von KMF | Juli18, 2026 | Odyssee
Diese Woche startet der neue Blockbuster The Odyssey in den Kinos. Der Stoff ist vielverfilmt, seit der bärtige Kirk Douglas sich vor mehr als siebzig Jahren an den Mast hat binden lassen, um den Gesang der Sirenen zu hören.
Das aktuelle Werk ist der meisterwartete Fim des Jahres, so hört man, auch diesmal mit höchstem Aufwand gedreht.
Wenn man Drehorte in die Suchmaschine eingibt, sind die ersten fünf Lösungen Angebote für Reisen zu diesen Orten. Filmtourismus nennt man das. Es ist ein Markt, und wenn es gut läuft, entsteht eine Reisehysterie zu den schönsten Drehorten, die angesichts der historischen Filmvorlage dazu neigt, diese mit irgendwelchen Originalschauplätzen zu verwechseln, soweit es diese überhaupt gibt. Ideal für die Legendenbildung. Was die Odyssee selbst, die Geschichte der späten Heimkehr und die Abgründe ihrer Helden angeht, eine Katastrophe. Ich stelle mir das so vor, wenn wir wieder zu Hause sind:
Man trifft jemand, etwa die Nachbarin auf der Straße, beim Einkaufen oder im Club und kommt locker ins Gespräch, vielleicht wegen der dunklen Farbe, die die Haut unterwegs angenommen hat.
„Ach, Ihr wart auf der Odyssey?“ Und der Begriff endet in Gedanken neuerdings mit einem ‚y‘.
„Des war ja ein toller Film, gell. Und mir habe des für nächstes Jahr gleich gebucht.“
Ich werde etwas dämlich dreinschauen, weil ich nicht gleich verstehe, wie man einen Film mit historischer Vorlage buchen kann.
„Jaja, zwei Wochen ab Catania, alles inklusive, für nur dreitausend Euro. Mit einer Palastführung von dem Sohn von dem Odüsseus, (der Name kommt mir plötzlich vor, als hätte sich ein ü hinein verloren) dem Tom Holland.“
Ich werde dann noch verwirrter sein, weil ich nicht weiß, wer dieser Tom sein soll, aber auch das wird die Nachbarin mir anmerken.
„Des ist ja ein ganz sypathischer junger Mann.“
Ich werde zustimmend nicken.
„Mir haben ja bis vor kurzem gar ned gewusst, dass der Odüsseus auf der Insel Favignana war.“
Ja, das habe ich auch nicht gewusst. Das hat eigentlich niemand gewusst.
von KMF | Juni29, 2026 | Odyssee
Wer kennt schon Favignana. Die ägadische Insel westlich von Sizilien. Man würde sie mit dem Fahrrad in zwei Stunden umrunden, wenn es eine Küstenstraße gäbe. Die Haupstadt gleichen Namens ist kleiner als Wehrheim, die Küste vorwiegend zerklüftet. Favignana ist bis auf eine kleine Bergkette, die die Insel von Nord nach Süd teilt, flach und kaum mit Highlights gesegnet. Früher gab es hier viele Ziegen, weshalb sie mitunter mit Odysseus in Verbindung gebracht wird. Der unaufgeregte Tourismus lebt von einzelnen Badebuchten mit türkisklares Wasser und ein paar Höhlen, bei denen sich gut tauchen lässt. Tagesausflügler fluten die Strände am Wochenende und sind am Abend so schnell wieder weg, wie sie am Morgen gekommen sind.
Favignana war einst industriell. Eine Hochburg des Thunfischfangs seit Ende des 19. Jahrhunderts und V. Florio brachte das Geschäft zum Erblühen, als er das Dampfgarverfahren zur Konservierung von Thunfisch ersann. Bis 1977 ging das so.
Das zweite Standbein der Insel, kaum dokumentiert, war der Abbau von Tuffstein. Im Osten der Insel ist eine ganze Landschaft aus eckig angelegten Löchern im Fels entstanden, als Steinmetze über Jahrzehnte viereckige Quader daraus gehauen haben wie Obelix Hinkelsteine, noch bis Ende der 1960er.
Ich habe die Steinbrüche mit ihren Treppen, Mauern und Fundamenten zunächst für antike Ausgrabungen gehalten, bis ich sah, dass Leben in ihnen ist.
Nach Stillegung der Steinbrüche entstanden darin botanische Gärten.
Und ein ganzes Hotel. Die Rezeption auf Ebene -3. Man speist bei angenehm kühlen Temperaturen auf der Terrasse.
Leider ging es mit der Insel im letzten Jahrhundert steil bergab, als immer mehr Strafgefangene auf die Insel gebracht und dort regelrecht sich selbst überlassen wurden. Sie vegetierten neben den Inselbewohnern vor sich hin und es ist nur schwer vorstellbar, wie das auf einer kleinen Insel funktioniert haben soll. Im Krieg schließlich wurde die Insel als militärischer Außenposten von Trapani von den Alliierten zerbombt.
Am Ende weiß man wenig davon, wie das mit dem Thunfisch, den Steinbrüchen und den Strafgefangenen alles zusammenhing und es sieht fast so aus, als wolle man das auch gar nicht so genau wissen.
von KMF | Juni27, 2026 | Bootsthemen, Odyssee
Schon vor Sardinien haben wir gelernt, dass die Italiener mit dem Boot nicht im größtmöglichen Abstand zwischen zwei anderen Booten hindurchfahren, sondern so dicht wie möglich an einem der beiden Boote vorbei, um dir auf den Tisch zu schauen und freundlich zu grüßen.
Mache Yachten errichten deshalb durch eine besonders lange Dinghyleine mit Minibojen eine Schutzzone, um einigermaßen Ruhe zu haben.
Letzte Woche ankerten wir allein in einer einsamen Bucht. Irgendwann kam ein Ausflugsboot mit einer sechsköpfigen Familie darauf, machte auf ihrem Weg einen Schlenker, und glitt langdam mit nur 2m Abstand an unserem Heck vorbei. Mehrere Hände gingen zum Gruß nach oben, als das Boot uns passierte, bevor der Mann am Steuer den Hebel wieder nach vorne legte, und seine Fahrt zügig fortsetzte.
Neulich waren wir zum Essen aus. Meist sind wir um 19 Uhr die ersten Gäste in den Restuarants. Italiener essen nicht vor neun. Nach einer Weile kam ein Pärchen in das große Restaurant mit bestilmmt vierzig Tischen. Und was tatsen sie? Sie gingen zielstrebig auf uns zu, setzten sich an den Tisch, der unserem am nächsten stand und grüßten. Es machte den Eindruck, als würden sie uns als nächstes fragen, ob wir unsere Tische zusammenschieben wollen!
Und nur drei Tage später legten sich drei Touristenboot in einer Bucht direkt um uns herum. Einer mir losem Anker, bis auf einen Meter an unserer Bordwand. Die meisten dieser Bootsfahrer haben keine seemännische Ausbildung und lassen einfach ihren Anker plumpsen, statt ihn mit einigen Metern Kette kräftig in den Sand einzufahren. Mit dem Ergebnis, dass sie im Wind übers Wasser treiben wie ein loses Feigenblatt, das ihre Unschuld entblößt.
Blöd für den Schwimmer, der Mühe hat, wieder an Bord zu kommen
Blöd auch für die Yacht, die fest vor Anker liegt.
„Hey Ragazzi, please, your anchor is drifting“ ruf ich dem Steuermann zu, der seine acht Touristen gerade mit Hochprozentigem versorgt, und bekomme zur Antwort „No problem, it’s a rubber boat.“
Ein Gummiboot mit Aluboden, Ankerkasten und Befestigungsring am Bug allerdings und es dauert keine fünf Minuten, da knallt der Stronzo bei einer Welle mit seinem Bug gegen unser frisch repariertes Heck! KLONK. Die Köpfe der Partymeute gehen in Richtung unseres Bootes. Ich springe auf und beginne zu fluchen. Doch der Kerl winkt ab. Er könne das gar nicht gewesen sein. My boat is all rubber!, ruft er mir zu, schmeisst seine 300PS an und macht sich aus dem Staub.
von KMF | Juni25, 2026 | Odyssee
Wir bekommen im der Regel einen schönen Urlaub gewünscht, wenn wir uns zu Hause verabschieden. Vielleicht fehlt den Leuten der Begriff für eine vermeintlich erholsame Zeit der Abwesenheit, wenn länger über drei Wochen hinausgeht. Und wenn jemand sich für unser Leben auf dem Schiff interessiert, ist die Frage, die mitschwingt: Was macht ihr dann so den ganzen Tag?
Die naheliegende Antwort wäre: Segeln. Doch das würde nur zu weiteren Fragen führen.
Also, was machen wir die ganze Zeit?
Leben. Unter anderen Vorzeichen.
Und wie darf man sich das vorstellen, ein Leben im Nicht-Urlaub?
Ich greife ja gerne zu Bildern aus der Odyssee: Wir sind auf Ortigia, der Insel, auf der die Nymphe Calypso Odysseus sieben Jahre lang festsetzte, mit Schönheit und Liebreiz. Doch während der griechische Held seine Penelope hat zu Hause sitzen lassen, mit hundertzwanzig potentiellen und übergriffigen Ehenachfolgern am Hals und einem halbwüchsigen Sohn, ist meine Penelope mit an Bord. Man könnte also sagen, wir haben zu dritt einen Mordsspaß. Allerdings, sich täglich die Liebesstatt zu teilen, und sei es mit diesen zwei Göttinnen, ist auf Dauer für einen Mann meines Alters zu anstrengend. Und so abgeschieden wie vor zweitausend Jahren ist heute selbst die einsamste Bucht kaum noch – wobei, in Dwejra Bay gab es tatsächlich keinen Internet-Empfang!
Wenn wir das alles ausklammern, haben wir in den letzten Tagen folgendes gemacht:
> Gedanken über ein Longevity- Konzept für ein Reisebüro
> Gestaltung zweier Plakate für den heimischen Tennisverein, samt Kommunikation über die sozialen Medien
> Überarbeitung der Hausordnung einer Wohngemeinschaft
> Social Media Pflege für HEIMSPIEL, das neue Restaurant in Obernhain > beim Finale der French Open mitfiebern
> Organisation der Reparatur einer Duschwand in einer Mietwohnung
> Antragsbearbeitung eines Förderkredites zur Installation einer PV-Anlage auf dem Dach unseres Hauses
> Eröffnung eines Bankkontos und Abschluss einer Geldanlage, jetzt, wo die Zinsen steigen
> Lektorat der Bachelorarbeit meines Sohnes, in der es um die Potenziale eines Mergers von zwei großen Logistikunternehmen geht
> Schreiben einer fünfseitigen Kurzgeschichte mit anschließendem versehentlichen Löschen…
Ich komme kaum dazu, meine Italienischkenntnisse und mein Gitarrenspiel zu pflegen. Schön, wenn wir im August ein paar Wochen Urlaub in Wehrheim machen. 😉
von KMF | Juni17, 2026 | Mitsegeln, Odyssee
„Ich würde euch gern auf dem Schiff besuchen“, sagte neulich ein Freund, mit dem wir am Wochenende telefonierten. „Wo seid ihr denn gerade?“
Ich antwortete korrekt mit „Auf Gozo. In der Dwejra Bay.“, und erntete ein „Ach ja.“
Die Dwejra Bucht liegt hinter einem mächtigen Felsen am westlichen Ende der westlichsten maltesichen Inseln. Sie ist kreisrund in den Fels geschnitten, der unser Boot um das fünffache überragt. Es gibt keinen offiziellen Zugang zu ihr. Wenn man hier über Nacht ankert, ist man mit den Fischen und den Vögeln, die in ganzen Kolonien in den Felsspalten nisten, allein. So kristallklar und sauber wie das Wasser ist auch der Nachthimmel. Frei von jeder Lichtverschmutzung. Lange nicht mehr habe ich die Mondsichel so klar zwischen Venus und Jupiter treten sehen wie hier.
„Und wie komme ich dahin?“, will der Freund wissen.
Ich sage, „Ganz einfach“, obwohl ich weiß, dass das die abenteuerlichste Anreise sein wird, die er jemals unternommen hat.
„Du fährst zum Frankfurter Flughafen und besteigst den Flieger nach Malta. Dort angekommen nimmst Du ein BOLT-Taxi in den Hafen und buchst eine Fähre nach Gozo. Die gehen alle halbe Stunde mit Highspeed und bringen Dich in vierzig Minuten ans Ziel. Dann nimmst Du wieder ein BOLT an den westlichen Zipfel der Insel. Dort ist eine kleine Lagune, wie ein natürlicher Pool. Sie ist durch eine Felsspalte, kaum breiter als ein kleines Gummiboot, mit dem Meer verbunden. Ich werde Dich dort an dem kleinen Steg abholen. Wir fahren durch den Felsspalt hindurch aufs Meer, danach eine Meile nach Süden und an einem großen Felsen vorbei, der wie ein Pilz aussieht. Dahinter liegt die Dream Chaser.“
Ich weiß nicht warum, aber er ist dann doch nicht gekommen.
von KMF | Mai30, 2026 | Odyssee
Wir freuen uns über unsere neue Decksverkleidung. Rundherum ein heller, freundlicher Stoff, Ton in Ton mit der neuen Segeltasche und dem ebenfalls neuen Dachhimmel des Steuerstandes. Und endlich wieder Fenster mit klarer Durchsicht.
Das alte Zeug kann weg. Ich will es an üblichen Müllplatz der Marina bringen, wo sich seit Tagen alles kreuz und quer über die blau-grün-gelben Tonnen hinweg stapelt. Müll auf Sizilien ist ein Problem. Die Abfälle werden oft nicht abgeholt, Deponien sind überlastet oder schließen. Der wachsende Tourismus wächst der Insel über den Kopf. Genau genommen hatte man den Müll auf der Insel noch nie im Griff. Der Verdacht, dass damit dunkle Geschäfte gemacht werden, drängt sich auf.
In unserer Marina ist das nicht anders. Der alte Müllverschlag ist komplett überfordert, das Zeug lagert ringsum oft wochenlang.
Bis gestern Nachmittag, als ich mit meinen Planen ankam und das Zeug auf den großen Haufen werfen wollte.
Einer der Marineros, ein gutmütiger Kerl wie ein Bär, braungebrannt, Sonnenbrille, dichtes, kurzes Haar, weißes Poloshirt, kurze Hose, Schlappen, kommt auf mich zu und winkt mit der Hand ab. No no, mister.
Ein Herr mit Hemd und Hose tritt hinzu, von der Verwaltung, nehme ich an. Er klärt mich auf italienisch auf, dass die neue Müllentsorgung nun in Betrieb sei, ein nagelneuer Verschlag aus raumhohen weißen Brettern samt Dach aus Draht, ein Käfig geradezu und vor allem abschließbar, mit einem ordentlichen Türbeschlag. Die Zugangstür zu den nach Müllarten getrennten Compartments informiert auf italienisch über die neue Anlage und ihre Öffnungszeiten. Früh morgens zwei Stunden und drei Stunden am Abend, personell besetzt. Ich halte das zunächst für einen Scherz, ein überflüssiger bürokratischer Hinweis, hebe aber angesichts meiner Planen, die ich immer noch unter dem Arm trage, fragend die Schultern.
Speziale, mixed, sagt der Brummbär- Marinero. Er verweigert die Müllannahme und verweist mich an eine Deponie, die ich ohne Auto nicht erreichen kann.
Non ho una machhina, sage ich und ziehe erneut fragend die Schultern hoch.
Der Brummmbär tritt verständnisvoll näher, und fragt mich ernsthaft, ob ich das Zeug nicht wieder mitnehmen, und auf hoher See entsorgen könne. Er macht dazu eine Bewegung, als würde er einen Eimer Schmutzwasser auf die Straße kippen.
Worauf ich ihn wohl entsetzt angeschaut habe, denn er lenkt sogleich ein.
Ok ok, not good for fish, eh?
Not good for fish, bekräftige ich und mit einem Nicken.
Der Brummbär lässt jetzt deutlich ein kurzes Brummen vernehmen und sagt auf englisch das sich wie italienisch anhört: Komm mit. Er weist mich an, meine Abfälle auf die Ladefläche ein Golfcaddie zu legen, sein Dienstfahrzeug in der Marina. Wir fahren damit zum Kontrollturm der Marina, der an zentraler Position der weitläufigen Anlage alle Pontoons überragt, die Bootstankstelle beherbergt, und auch das Hauptquartier der Marineros, samt Werkstatt und Ersatzteillager.
Er geht hinein und kommt mit drei dicken Plastiksäcken wieder, in die wir die vergammelten Planen stopfen.
Ich weiß nicht, was er vorhat. Fahren wir jetzt mit dem Golfcaddie zur Mülldeponie, irgendwo am Fuße des Ätna, wo alles abgeladen wird, bis es unter ausströmender Lava begraben wird? Möglich wär’s, der Vulkan aktiv. Meine Frau und ich sehen das vom Hafen aus. Fast täglich Aschewolken und manchmal frische Spuren von Lava im Schnee.
Der Brummbär stoppt sein Gefährt an der neuen Müllentsorung der Marina. Er gibt mir zu verstehen, dass ich ihm folgen soll, nimmt eine der Tüten von der Ladefläche, ich zwei. Er führt mich zum Verschlag mit Plastikabfällen, und stopft die Tüte in die neu bereitgestellte noch leere gelbe Tonne für Plastikmüll. Ich tue es ihm nach, und schaue wohl erneut fragend.
Er grinst mich freundlich an und sagt: Now, it’s plastic.