Feuerinsel

Feuerinsel

Wir haben am Morgen den Anker gelichtet und wollen westlich am Stromboli vorbei nach Süden. Imposant, wie der Vulkan fast tausend Meter hoch kegelförmig aus dem Wasser ragt. Das Meer heute ruhig, darüber hängen Haufenwölkchen wie Wollknäuel. Es fühlt sich an, als wären wir mitten in einer Szene, gestaltet, unwirklich echt. Wir sitzen zu zweit am Steuerstand und genießen die Stille des Morgens, die uns in die Tagesreise hineinträgt, aufgenommen von der Unmittelbarkeit der Umgebung und herausgelöst aus dem Rest der Welt. 
„Stell Dir vor, Du wärst frei.“, sagt meine Frau wie aus dem Zusammenhang gerissen, aber ich verstehe, was sie meint. „Was würdest Du tun? Was würdest Du anfangen mit Deiner Freiheit?“
Ich treibe in Gedanken im Rhythmus der sanften Woge des dunklen Meeres dahin, eingenommen von der Mächtigkeit des Vulkans. Er ist nicht nur groß. Anziehende Kräfte wohnen in ihm, und zugleich hat er alle Macht zur Zerstörung. Ich antworte „Ich steige auf zum Gipfel, lasse mich am Rand des Kraters in den Feuerschlund fallen und dringe vor bis zum Mittelpunkt der Erde.“
Eine irritierende Aussage, ich weiß, aber meine Frau legt ihre Hand auf meine, lächelt und schweigt.
So umrunden wir das Eiland, das man aufgrund seiner Form zurecht so nennen kann, und steuern auf ein gelbes Leuchtfeuer zu, das in einigem Abstand zum Ufer im Wasser steht.
„Da können wir innen dran vorbei“, sagt meine Frau und korrigiert den Kurs nach backbord, in Richtung einer Kante des Inselkegels, an der sich das Grün der bewohnten Hänge von leblosem Schwarz scharf abgrenzt. Ab hier zeigt sich eine ganz andere Welt. Erkaltete Lava, die sich wie ein Fächer von der Krateröffnung bis hinunter ans Ufer weitet. Und weil diese vulkanischen Gesteinsbrocken einen Rest von Wärme in sich tragen, bildet sich vom Ufer weg ein Schleier aus Nebel. Das ist beeindruckend, ich fühle mich als lebendiger Winzling inmitten eines millionen Jahre alten natürlichen Weltenverlaufs. Klein angesichts des Großen, Mächtigen, Übermächtigen.
Mein Blick wandert respektvoll nach oben, zum Gipfel des Kegels, wo sich Wölkchen bilden. Ich bitte meine Frau, etwas mehr Abstand zu halten, und sie hätte wohl fragen können Abstand- wovon?, als ein Knall der Stille jäh ein Ende setzt. Eine schwarze Rauchsäule steigt über dem Krater senkrecht empor und wird von einer feuerroten Explosion genährt, die aus unergründlichen Tiefen glühende Lava spuckt. Ein regelrechter Auswurf ist das, mein Respekt steigert sich in Bruchteilen einer Sekunde zu Ehrfurcht. Der Himmel verdunkelt sich. Rings um die Eruption bilden sich kleine Rauchwolken und dann geschieht das für unwahrscheinlich gehaltene, das Unmögliche, das Unvorstellbare. Die Rauchwölkchen wandern abwärts, erst langsam, dann schneller. Sie bilden sich als Schmauchspur aus der alles versengenden Lava, die als Lawine zu Tal rollt und zischend ins Meer eintaucht. Fasziniert von diesem Naturschauspiel erstarren wir wie abkühlende Lava, die Unheil birgt, und da wird mir klar, was uns erwartet. Glühende Gesteinsbröckchen lösen sich vom Hang und flirren wie Irrlichter durch die Luft. Das Wasser fängt an zu brodeln und die größeren Gesteinsbrocken aus dem Inneren der Erde türmen die spiegelglatte See zu einer ablandigen Welle auf, die auf uns zu rollt. Der Gedanke Hart nach Steuerbord, schnell! ist noch nicht zu Ende gedacht, als mir ein schwefliger Geruch in die Nase steigt. In den Segeln bilden sich mehrere Löcher mit schwarzem Rand, übers Deck verteilt sehe ich schwarzbraune Brandflecken im weißen Rumpf. Ich packe meine Frau am Arm und rufe „Runter, schnell!“ Wir flüchten unter das Dach des Salons, wo unser Gast sich bereits in Sicherheit gebracht hat, im Begriff ist, seine Kamera zum Schutz in die Tasche zu legen, doch bevor wir alle sitzen oder unsere Sinne beisammen haben, erschüttert ein wuchtiger Schlag das Schiff, hebt es an, ich sehe die Kamera sich aus der Tasche lösen und als Geschoss durch die Kabine auf den Weg machen, und purzele dann selbst, wir alle drei, durch die Kabine, zunächst nach Steuerbord und kurz darauf wieder zurück. Das Ganze begleitet von grässlichem Lärm.
Das erste, was ich wahrnehme, als ich mein Leben wieder spüre, ist Hitze, von unten aufsteigende Hitze –

Gut, dass wir das Leuchtfeuer, das als Abstandshalter zu den Gefahren des Vulkans gedacht ist, am Ende doch links haben liegen lassen.  

Vulcano

Vulcano

Die Insel, an deren schwefligen Hängen sich vor vielen Jahren ein junges Paar liebte und dadurch Liebesflucht beging. Fuitina. Zu lesen in der gleichnamigen Geschichte von Klaus Maria Fischer. 

Die Insel hat etwas eigenartig Verschlossenes. Sie bildet eine Welt für sich, ist schwer zugänglich, leicht morbide, dunkel. Der Sand am Stand ist rabenschwarz und unser Weg ins Dorf führt auf einem einfachen Pfad durch das Dickicht eines Waldes aus Schilf. Ein Schild weist den Weg als Escape Route aus und ich wundere mich. Als gäbe es hier jemals einen Tsunami. Bis ich begreife, dass sie hier nicht befürchten, vor eine Welle fliehen zu müssen, sondern vor der Lava. 

Man sieht kaum Autos, trifft nur wenig Menschen und sie heißen einen nicht unbedingt willkommen. Sie wirken diffus nach innen gerichtet. Als habe sich das Schweflig-Schwarze wie ein Schleier auf ihr Gemüt gelegt. 

Das Wetter ist unbeständig. Täglich wechseln sich lokale Gewitter und stürmische Böen mit regelrechten Windlöchern ab, in denen die Luft geradezu drückend stehen bleibt. Wieder einmal zeigt sich, dass es für Segler nur drei Winde gibt: Zuviel, zu wenig oder von vorn. Heute also unter Motor. Im großen Bogen Scylla und Charybdis umfahrend in Richtung Tropea. Ein bezauberndes Städtchen auf dem italienischen Fußrücken. Manche sagen, die schönste Stadt im Land. 

Lack of imagination

Lack of imagination

Porticello. Ein unaufgeregtes Städtchen in der Bucht südlich von Palermo. Vom Wasser aus hat man Blick über den Haufen aus Häusern am Wasser und das hügelige Hinterland. Der Hafen ist zu klein für die Dream Chaser. Und davor ankern nur zwei Boote. Wir bleiben über Nacht nördlich davon, wo einige größere Häuser am Hang liegen, hübsch eingefasst von grünschroffen Felsen, mit Blick über die Bucht. Kurz nach Sonnenuntergang wandert im Westen die Mondsichel auf dem Sattel zwischen den zwei Gipfeln entlang, geradezu unwirklich romatisch wirkt das.
Das ist nicht immer so. Ende August 2024 lag hier die BAYESIAN vor Anker, als ein heftiger Sturm in der Nacht über der Ort zog und alles hinweg fegte, was nicht Stand hielt. Auf dem Wasser bildete sich ein Tornado und hielt genau auf die Luxus-Superyacht zu, 56m lang, der Mast mit 72m der zweithöchste, der jemals  auf einer Yacht installiert wurde. Zur Stabilisierung ist ein 10m langer Kiel verbaut, der sich in flachem Gewässer auf halbe Länge schwenken lässt, freilich mit Einbußen für die Stabilität, was sich in jener Nacht als Problem herausstellte.
Wer kann sich schon vorstellen, dass ein solches Schiff im Mittelmeer binnen Sekunden vom einem Sturm flachgelegt  und versenkt werden kann.
Wer konnte sich vorstellen, dass die Titanic untergeht?
Wir bleiben wie geplant nur für die Nacht und lichten bereits morgens um halb neun den Anker. Die Sonne scheint, die Bewölkung ist aufgelockert, es herrscht Windstille.

Planung einer Passage

Planung einer Passage

Wir wollen nach Sardinien segeln. Die Schweizer Deja und Marc auf der MyMo besuchen, mit ihren Hunden Mici und Jili. Eine Passage von 150sm, bei unserer Reisegeschwindigkeit ein Weg von 30 Stunden.
Seit Tagen beobachten wir das Wetter für ein günstiges Zeitfenster. Günstig, das wäre mit Wind, nicht zu biel und nicht zu wenig. Nicht von vorne. Gar nicht so einfach, wenn man nach Westen will. Und über so viele Stunden sowieso kaum realistisch.
Wir finden dieses Fenster vier Tage im Voraus für Mittwoch, 09. September. Vorfreude kommt auf. Wir überprüfen unsere Vorräte, die Wassermenge, den Sprit. Ohne einige Stunden mit Motor wird es nicht gehen.
Ab Montag wird die Wettervorhersage zuverlässiger. Ein Tiefdruckgebiet wird sich Mittwoch nachts westlich vor Südsardinien bilden und über die südliche Inselspitze hinwegziehen. Auf unserer Strecke soll der Südwind morgens um 2 Uhr abreißen und drei Stunden später kräftig von Nordwest auf unsere Schnauze drehen. Im Gefolge des Tiefs Ankündigungen von einzelnen Gewittern zwischen Nordtunesien und der Toscana. Die bis dahin ruhige See wird rauher werden. Aus dem geplant gemütlichen Segeltörn wird eine lange Passage, die vor Donnerstag 12 Uhr beendet sein muss. Es zeichnet sich ab,  dass wir fast die Hälfte der Strecke unter Motor fahren müssen.
Müssten, denn inmitten der Überlegungen wechseln wir gedanklich in den Konjunktiv. Dienstag Morgen hat Carola eine schlechte Nacht hinter sich, geplagt von starken Rückenschmerzen.
Sie sagt, es geht schon, aber sie nimmt beim Stehen Schonhaltung ein und das Besteigen des Dinghies ist eine Herausforderung. Keine gute Voraussetzung für einen langen Törn durch die Nacht.

Dienstag Abend, beim Essen in Favignana. Wir warten auf die neuesten Wetterdaten, vielleicht fällt das Tief ja noch auseinander, oder was auch immer. Aber dann ist klar, die Vorhersage ist stabil, mehrere Modelle sind sich einig. Und Carola hat trotz mehrerer Ibus immer noch Rücken.
Klar könnte man losfahren, trotzdem. Aber muss das sein?
Wir sehen uns an und sind uns einig:
Aus der Passage in der kommenden Nacht wird nichts.

Welcome to Tunisia

Welcome to Tunisia

Welcome to Tunisia. Ob Grenzpolizei, Hafenbüro, der Restaurantbesitzer oder der Straßenverkäufer. Alle begrüßen einen auf diese Art, und sie meinen es. Die Menschen hier sind auffallend freundlich und zugewandt.

Hell strahlen die schönen Plätze der Welt. Sidi Bou Said ist so ein Ort. An den Hügel nördlich von Tunis schmiegen sich weiße Häuser mit blauen Fenstern, umgeben vom üppigem Grün. Sie grenzen an die Mauern von Karthago, wo antike Säulenreste die Straße säumen, als stünden sie in Nachbars Garten. Vom Pool unseres Hotels aus  überblicken wir Bucht und Hauptstadt. Wir sehen geradzu auf sie herab. Sidi Bou ist eine malerische Oase. Die Straßen sauber, die Häuser gepflegt, der Strom fällt nicht aus, auf dem Zimmer steht gekühltes Trinkwasser bereit. Malerisch, weil sich hier schon vor hundert Jahren Künstler trafen, um sich von exotischem Zauber inspirieren zu lassen. Macke, Klee,  und auch der Reisende heutiger Tage spürt noch etwas von diesem Zauber. Er lieht für mich in den großen Holzportalen der Häuser, zweiflügelig, bunt, mit je einem schweren Metallring auf Brusthöhe. Sie repräsentieren das, was dahinter liegt, und verbergen es doch, ja beschützen es regelrecht. Man will eintreten, doch es wird einem nicht gewährt. Uns Touristen jedenfalls nicht. Was sich einem zeigt, sind indessen andere Dinge.
Nach vier Wochen Reiseunterbrechung kehren wir an Bord der Dream Chaser zurück. Sie liegt ruhig am Steg und wartet frisch gewaschen darauf, dass es bald wieder losgeht. Wir sind guter Dinge, freuen uns darauf, Tunesien noch ein wenig kennenzulernen, aber irgendetwas stimmt nicht. Wir merken es zuerst an unserer Batterieladung. Der 220V Landstrom funktioniert nicht, die Sicherung des Battery Chargers ist herausgesprungen. Ich befürchte schon ein Problem mit der Bordelektrik, bis ich erfahre, dass in den letzten Wochen in Tunesien regelmäßig Stromprobleme und -ausfälle über mehrere Stunden zu verzeichnen waren.
In einer lokalen Chatgruppe von Seglern beschwert sich eine australische Skipperin, dass es derzeit kein Wasser in Flaschen zu kaufen gebe. Ich kenne die Frau, sie ist schwierig und nicht unbedingt glaubwürdig, ich überprüfe aber sogleich unsere Wasservorräte. Wir haben noch vier große Flaschen. Außerdem könnten wir, wenn nötig, das Wasser aus unserem Brauchwassertank abkochen. Den Strom dazu kann unser Generator liefern oder der Gasherd. Gedanken, als wären wir in einer Art Überlebensmodus.
Gleichzeitig gestaltet sich unsere Reiseplanung entlang der tunesischen Küste problematisch. Sie ist von der Küstenwache stark bewacht, um Schmuggel und illegaler Migration nach Europa vorzubeugen. Das Ankern in Buchten ist zwar grundsätzlich nicht verboten, erfordert praktisch aber eine Genehmigung der Küstenwache, die sie nicht erteilt. Gleichzeitig sind alle Formalitäten aufwändig, vor allem, wenn man eine vom Zoll verplombte Drohne an Bord mitführt. Sie muss von einem offiziellen Port of Exit entplombt werden, von denen es nur wenige gibt. Unser Wunschhafen für diese Prozedur ist Sidi Bou Said. Die Einfahrt des kleinen Hafens ist allerdings verschlammt, die aktuelle Wassertiefe unbekannt. Ein regelmäßiges Ausbaggern findet nicht statt, so dass wir nach Abwägung aller Umstände beschließen, die Gegend von Land aus zu erkunden und Tunesien Ende der Woche von Hammamet aus zurück nach Pantelleria zu verlassen.    

Am kühlen Pool lässt sich entspannt durch die Nachrichten der Welt surfen, Al Jazeera, NZZ, Tagesschau. Gestern war der deutsche Außenminister zu Besuch in Tunis. Wir hätten ihm über den Weg laufen können. Es ging um dringende Themen der Wirtschaft und Sicherheit, heißt es, und so zeichnet sich langsam das Bild ab, das die Vorgänge um uns herum erklärt.
Das Land ist zwar stabiler als seine Nachbarn, mit denen es Konflikte entlang der Grenzen austrägt, aber wirtschaftlich und politisch im Abschwung. Der einträgliche Tourismus ist mit Covid um mehr als die Hälfte eingebrochen und kehrt nur langsam wieder zurück. In der Zwischenzeit verrotten die Ferienanlagen. Darüber hinaus macht den Tunesiern die Hitze zu schaffen, die in diesem Sommer mehrfach an 50° heranreicht. Der Strombedarf ist dadurch gestiegen, und ich lerne überrascht, dass das Land bislang kaum auf Photovoltaik setzt. Seit einiger Zeit ist der Bedarf an Strom so hoch, dass er rationiert werden muss. Täglich, über mehrere Stunden. Dadurch geht unter anderem die Wasserproduktion zurück, Trinkwasser wird knapp. Auch Krankenhäuser und Apotheken sind beeinträchtigt. Die Menschen gehen aus Protest auf die Straße.
Der Präsident der einstmals ersten islamischen Demokratie geht repressiv gegen seine Bevölkerung vor. Die Behörden haben die Sicherheitskräfte im Land verstärkt. An den Zugängen der Touristengebiete wurden Straßensperren verstärkt. Auch in Hammamet. Wir haben sie mehrfach passiert. Dem autokratischen System gelingt es bislang nicht, die Probleme in den Griff zu bekommen. Was die eigene Bevölkerung langsam auf die Barrikaden bringt. Und womöglich auf die Idee, nach Italien auszureisen. Nach Pantelleria sind es von Kelibia aus nur vierzig Meilen. Davor fürchten sich alle. Der Präsident und Europa.
Welcome to Tunisia. Man wird auf der Straße gegrüßt, die Leute sind hilfsbereit und lassen sich auf Gespräche ein, auch über die Lage im Land, die sie irgendwie von ihrer persönlichen Lage unterscheiden. Sie sprechen französisch, englisch und deutsch. Ein Land voller Überraschungen, vor allem im.Kontrast zu Sizilen.
Gestern erkundeten wir die Medina von Tunis. Das Taxi, das uns abholte, bat uns zum Einsteigen in eine Seitenstraße neben dem Hauptzugang, der unter Polizeischutz steht. Angeblich, werden Taxifahrer willkürlich gegängelt und Schutzgelder verlangt. Auf dem Rückweg nach Sidi Bou Said waren wir auf Schleichwegen unterwegs und mich beschlich das Gefühl, dass sich nicht genau sagen lässt, wer mehr Dreck am Stecken hat. Das Schleichen macht etwas mit einem. Und wenn es nur ein ungutes Gefühl ist. Es ist mir ganz recht, das Land auf direktem Wege wieder zu verlassen.

Zur Vorbereitung unserer Abreise verlassen wir unseren Liegeplatz und fahren zur Tankstelle am Hafeneingang in Hammamet. Kaum angelegt haben wir drei Leute um uns. Einen Marinero, den Engländer, der unser Boot betreut hat und dem wir noch Geld schulden, und einen Mann, den ich nicht zuordnen kann, weil er in zivil ist. Er steht nur herum und beobachtet, was vor sich geht. Ich kann mich täuschen, aber wir haben beide den gleichen Eindruck. Man passt auf uns auf. Und darauf, dass wir nicht einfach verschwinden. Wie nie zuvor in meinem Leben wird mir klar, dass Sicherheit und Freiheit sich gegenseitig ausschließen.
Wir wollen morgens um vier Uhr ablegen, begleichen am Abend unsere Hafenrechnung und melden uns vorab bei der Grenzpolizei und dem Zoll.
No problem, Captain. We are here day and night. Und tatsächlich. Die Nachschicht stempelt uns aus, der Zoll macht noch eine kurze Schiffsbegehung und dann wünschen Sie uns eine gute Reise.
Au revoir Tunisie 🇹🇳

Großes Kino

Großes Kino

Diese Woche startet der neue Blockbuster The Odyssey in den Kinos. Der Stoff ist vielverfilmt, seit der bärtige Kirk Douglas sich vor mehr als siebzig Jahren an den Mast hat binden lassen, um den Gesang der Sirenen zu hören.
Das aktuelle Werk ist der meisterwartete Fim des Jahres, so hört man, auch diesmal mit höchstem Aufwand gedreht.
Wenn man Drehorte in die Suchmaschine  eingibt, sind die ersten fünf Lösungen Angebote für Reisen zu diesen Orten. Filmtourismus nennt man das. Es ist ein Markt, und wenn es gut läuft, entsteht eine Reisehysterie zu den schönsten Drehorten, die angesichts der historischen Filmvorlage dazu neigt, diese mit irgendwelchen Originalschauplätzen zu verwechseln, soweit es diese überhaupt gibt. Ideal für die Legendenbildung. Was die Odyssee selbst, die Geschichte der späten Heimkehr und die Abgründe ihrer Helden angeht, eine Katastrophe. Ich stelle mir das so vor, wenn wir wieder zu Hause sind:
Man trifft jemand, etwa die Nachbarin auf der Straße, beim Einkaufen oder im Club und kommt locker ins Gespräch, vielleicht wegen der dunklen Farbe, die die Haut unterwegs angenommen hat.
„Ach, Ihr wart auf der Odyssey?“ Und der Begriff endet in Gedanken neuerdings mit einem ‚y‘.
„Des war ja  ein toller Film, gell. Und mir  habe des  für nächstes Jahr gleich gebucht.“
Ich werde etwas dämlich dreinschauen, weil ich nicht gleich verstehe, wie man einen Film mit historischer Vorlage buchen kann.
„Jaja, zwei Wochen ab Catania, alles inklusive, für nur dreitausend Euro. Mit einer Palastführung von dem Sohn von dem Odüsseus, (der Name kommt mir plötzlich vor, als hätte sich ein ü hinein verloren) dem Tom Holland.“
Ich werde dann noch verwirrter sein, weil ich nicht weiß, wer dieser Tom sein soll, aber auch das wird die Nachbarin mir anmerken.
„Des ist ja ein ganz sypathischer junger Mann.“
Ich werde zustimmend nicken.
„Mir haben ja bis vor kurzem gar ned gewusst, dass der Odüsseus auf der Insel Favignana war.“
Ja, das habe ich auch nicht gewusst. Das hat eigentlich niemand gewusst.

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