Überraschungen

Überraschungen

Sonnenaufgang hinter der Lagune, klarer Himmel. Das Versprechen eines wundervollen Tages. Wir sind früh aufgestanden. Jeder einen starken Kaffee, ein kurzes Briefing zum Ablauf der bekannt heiklen Ausfahrt mit starker Strömung, engen Durchfahrten, Wirbeln im Wasser; danach die Vorbereitungen zum Ablegen. Reine Routine. Checkliste lesen, Start the Engines…

Die Fahrt durch die Lagune entlang des betonnten Fahrwassers verläuft problemlos. Die starke Strömung schiebt uns förmlich des Ausfahrt entgegen. Alles scheint gut. Doch dann sehen wir von weitem eine weiße Wand in Bewegung. Die Dünung des offenen Meers. Sie knallt auf die aus der Lagune auslaufenden Wassermassen wie gegen eine Mauer und  steigt in wildem Getöse empor. Drei, vier Meter hoch türmt sich das Meer und als wir hineingeraten, wird unser kleines Boot heftig geschüttelt. Die Kühlschränke springen auf und wieder zu, Tassen und Gläser hüpfen aus der Spüle, eine nicht sicher verstaute Tischlampe geht über Bord und wir müssen uns festhalten, um nicht umzufallen. Die Dream Chaser durchpflügt rollend und gierend einen brodelnden Kochtopf. Zwei, drei Minuten lang geht das so und ich frage mich, wie mir das passieren konnte, mich derart überraschen zu lassen. Immerhin, Steuermann Mike führt das Boot sicher durch die Strudel und den Sturm im Wasser in ruhigere Gefilde, und wenn ich das richtig in seinem Gesicht gesehen habe, hatte er sogar Spaß an dieser Herausforderung. 

Die Sonne scheint, der Wind bläst mit Stärke fünf aus Ost, wir setzen Segel und nehmen Kurs auf Portimao. 

Strudel @ Culatra Entry
Cetaceans

Cetaceans

Sie planen Kurs auf die Säulen des Herakles, in fester Absicht, hindurch zu kommen und in freudiger Erwartung dessen, was die andere Seite verheißt. Das ganz Mare Nostrum wird zu ihren Füßen liegen, sobald sie die enge Stelle zwischen Gibraltar und Ceuta passiert haben. Andere fahren einfach drauflos. Es kann doch nicht so schwer sein…

Wir haben uns das gut überlegt, haben uns verfügbare Zeitfenster zurecht gelegt, Reiseziele besprochen, Marokko, Andalusien, Tunesien, das zu erwartende Wetter nach Jahreszeiten… und so weiter… Und die Orcas, englisch Cetaceans. So nennen die Behörden das nüchtern. Wenn man Latein benutzt, hört es sich sachlicher an. Es ist aber nicht sachlich. Die Orcas kreuzen unsere Pläne ein ums andere Mal, weil sie sich nicht so verhalten, wie alle bislang gesagt haben: Sie gehen nicht an Katamarane, hieß es; Rote Rümpfe mögen sie nicht; Motoren aus, wenn sie sich nähern; im Herbst sind sie im hohen Norden; ins Mittelmeer kommen sie nicht. Alles falsch! Das alles machen sie nämlich. Neuerdings. Erst vor Kurzem haben sie in der Straße von Gibraltar zwei Boote angegriffen. Eins davon ist gesunken. An der Algarve sind sie auch wieder gesehen worden. Es gibt nichts, woran man sich halten kann. Hieß es bis vor Kurzem: Motor aus!, ist die neueste Empfehlung der Regierung, bei einer Sichtung von Orcas das Gebiet so schnell wie möglich unter Motor zu verlassen.

Vielleicht ist es auch so, dass wir, die Menschen, die Pläne der Orcas durchkreuzen. Das weiß niemand genau. Oder wir sind einfach nur praktisch für die Orca-Mamas, als Segler: An unseren Ruderblättern kann man prima den Kids die Thunfischjagd beibringen.

Die roten Pins auf dem Beitragsbild kennzeichnen die Begegnungen von Segelbooten mit Orcas, die Schäden verursacht haben. Im November. Es wird uns nichts anderes bleiben, als entlang der 20m Wasserlinie zu schleichen, den Blick immer nach rechts, in der Hoffnung, dort möge sich niemals eine Flosse zeigen. Dreimal bin ich in diesem Sommer zusammengezuckt, als ich Flossen gesehen habe. Jetzt werde ich schon bei Delfinen nervös. Freuen wir uns aber erstmal auf die kommende Saison in Lagos!

Mitunter kommt es anders als man denkt

Mitunter kommt es anders als man denkt

Wir hatten uns das schön ausgemalt, ein paar Tage an die Algarve im November. Carola zum Wochenende hin noch im Boat Office, dann rausfahren, bei leichtem Wind das Gennaker setzen, bis querab Faro in Sicht kommt. Über Nacht in der Lagune ankern. Wir nehmen uns Zeit bis in den Wochenbeginn hinein. Doch in dem kleinen Bankenturm in Frankfurt bringt ein kleines Chaos aus. Die Kollegin kommt nicht wie erwartet aus ihrem Urlaub zurück, sondern meldet sich krank. Die Arbeitslast ohnehin grenzwertig, und dann kommt unerwartet und kurzfristig ein neues Megaprojekt am Persischen Golf hinzu. Alles ruft in gefühlter Dringlichkeit nach einem Sofort, das es in Summe so nicht geben kann. Erstmalig das Gefühl, dass man auf dem Boot am falschen Ort sein könnte. Ab Freitag Abend machen wir uns auch über die Wettervorhersage Gedanken: Nebel, Windstille. Hartnäckig, bis Montag. Zwei Wetterbedingungen, so haben wir uns geschworen, werden uns immer davon abhalten, rauszufahren: Nebel ist die eine, Windstärken größer als 5Bf sind das andere. Allerdings ist auch nicht wirklich prickelnd, bei Windstille stundenlang unter Motor die Küste abzufahren.

Dann halt ein andermal, sagen wir uns, packen am Sonntagmorgen und fahren zum Airport. Die Sonne scheint. Montag wird für Carola ein ganz normaler Bürotag.

Yachtmaster

Yachtmaster

Es ist Sonntag. Eine frische Brise weht im Yachthaven Lymington. Das Met Office kündigt für heute leichten Wind aus Südwest an, moderate See, etwas Sprühregen und überwiegend gute Sichten. Die Boote in der Marina wiegen sich leicht im Wind, Seelenruhe- Stimmung. Carola packt die letzten Sachen in ihre Segeltasche, während ich noch einmal durch die Masten der anderen Boote hindurch in Richtung Solent schaue – geschafft.

Zwei Wochen harter Ausbildung liegen hinter uns. Mehrere Navigationen mit der 13m Segelyacht NEW DAWN zwischen Containerschiffen, Oceanriesen, U-Boot-Barrieren und Autofähren hindurch. Fahrten im Dunkeln in unbeleuchtete Flussmündungen hinein, Mann-über-Bord Rettungen unter Segeln, Wendemanöver in der berühmt-berüchtigten Durchfahrt von Needles, Passageplanungen durch den Ärmelkanal nach Frankreich – geschafft.

Erkältungen, zurückgebliebenes Gepäck, zwei Tage unter Deck im Sturm, Leistungshöhen und -tiefen bis nicht mal mehr ein Knoten geklappt hat, all dies und andere Unwägbarkeiten – geschafft.

Die 24-stündige Prüfung durch Captain Edmund Hadnett, der wir uns wie brave Gymnasiasten gestellt haben, nicht immer grundsicher über das eigene Vermögen und abhängig von der Gunst des Cargocaptains mit zweifelhafter Segelexpertise. Aber was soll’s: Geschafft!

Wir dürfen uns jetzt Royal Yachtmaster Offshore und Coastal Skipper nennen.

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