von KMF | Juli10, 2026 | Allgemein
„Palermo benebelt die Sinne. In der flirrenden Luft zerfließen die Konturen. Dazu die schweren Weine und der ständige Fäulnisgeruch – all das ist einem klaren Verstand nicht eben zuträglich.“, schreibt der Reiseblogger Chr. Driessen über die Stadt, und ich weiß genau, was er meint. Ich kenne keine vergleichbare Stadt. Palermo ist bunt, ist laut. Es verglüht am Tag und blüht auf bei Nacht, es drängt sich einem auf mit komplexen Gerüchen. Es schenkt mir ein strahlendes Lächeln in Gestalt lieber Menschen und versetzt mir gleich darauf einen Hieb in die Magengrube. Palermo setzt mir zu.
Zwei junge Frauen streunen gemeinsam durch die Nacht. Die eine ist Asiatin in BH, Hotpants und Lackstiefel, die andere eine verhüllte Muslima. Nach allem, was ich vom Leben traditioneller islamischer Familien weiß, ist das nicht möglich. Es geht im meinem Kopf nicht zusammen.
Eine ärmlich aussehende Südländerin bettelt am Tisch, während sie ihren Kleinen in einem ultramodernen neuwertigen Buggy vor sich her schiebt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie sich an den Nachbartisch setzte und Paste bestellte.
Die Autos in der Stadt haben zu wenig Platz. Von zwanzig, die nacheinander an mir vorüber fahren, haben alle zwanzig ein Blechschaden. Gefahren wird nach der Methode ‚first come, first serve‘, egal was Regeln oder Ampeln sagen, und der beste Weg ist der kürzeste, also etwa im Kreisel links am Rondell vorbei. Geparkt wird, wo man gerade steht. In zweiter Reihe, quer zur Markierung oder schräg auf einer Straßenkreuzung, wie der zerbeulte Toyota vor uns. Der Bus, in dem wir sitzen, kommt nicht durch, muss drei, vier Minuten warten, bis der Fahrer des Wagens aus dem Tabakladen kommt, wo er wahrscheinlich seinen Lottoschein abgegeben hat. Derweil Dauergehupe auf der Kreuzung, Palaver zwischen Passanten und Busfahrer. Der Ton wird aggressiv, hat etwas Kriegerisches geradezu. Bis sich mit dem Eintreffen des Fahrers alles in Wohlgefallen auflöst und jeder seiner Wege geht, als wäre nichts geschehen. Es geht in meinem Kopf nicht zusammen.
Die Stadt hat zweifellos auch dunkle Ecken. Eine davon ist Mole 3 am Ende der Hafenmauer. Hier ist man den Ozeanriesen beim Anlegen am Nächsten. Für uns im Transit gab es leider keinen Liegeplatz im Innenbereich der Marina, also liegen wir jetzt hier, am Ende der Mauer, gleichsam am Ende der örtlichen Welt, mit Blick auf Blechcontainer und Getränkeautomat. Es ist auch der Standort eines Ruderclubs. Hier wird früh morgens ernsthaft trainiert. Viele junge Leute, Männer und Frauen, auffallend muskulös. Es hat etwas Ästhetisches, wenn sie in ihren pfeilschnellen Booten elegant übers Wasser gleiten. Der Endbereich der Mole ist durch mobile Gitter abgetrennt und ein Verbotsschild soll Unbefugten den Zutritt verwehren. Das soll den vier, fünf Yachten, die hier liegen, Sicherheit bringen. Nur interessiert es niemand. Nachmittags klettern kleine Jungs auf der Mauer und der an ihrem Ende eingerichteten Polizeistation herum, die freilich unbesetzt ist. Sie springen unter lautem Gekreische ins Hafenbecken. Abends hängen Angler ihre Ruten zwischen den Schiffen ins schmutzige Hafenbecken. Nachts kommen Herumtreiber. Sie ziehen sich aus dem Automaten ein Getränk, machen sich es auf dem rostigen Geländer bequem und rauchen ein Tütchen. Oder lassen die Motoren ihrer Mopeds aufheulen.
Gestern wurden wir in der Nacht von Geräuschen aus unruhigem Schlaf aufgeschreckt. Wir eilten halbnackt an Deck, auch Carola nur im Höschen, im Rennen ein schneller Griff nach dem Handtuch. Zwei junge Männer waren im Begriff, sich an der Dream Chaser zu vergreifen. Einer stand bereits im Dinghy, das zwischen Boot und Hafenmauer dümpelte, der andere haderte noch. In lauter Angst überschütteten wir die Beiden mit Flüchen und Schreien, ich schubste das Beiboot mit dem Fuss vom Schiff weg, der Idiot hätte dabei fast das Gleichgewicht verloren. Mit Mühe hangelte er sich auf die Hafenmauer zurück und wäre dabei fast ins Wasser gegangen. Vielleicht war es weniger mein Tritt, als Carolas Brüste, die ihn aus dem Gleichgewicht brachten, auch wenn sie inzwischen von einem Handtuch verhüllt waren. Wieder festen Boden unter den Füßen, versuchten beide zu beschwichtigen. Man wollte ja nur mal schauen. Was so geht, auf fremden Schiffen. Als würde das gehen.
Wir riefen Polizia, Polizia, worauf die Beiden ihre Mopeds bestiegen und sich davon machten.
von KMF | Juli8, 2026 | Allgemein
Wie kannst du hinab ins nächtliche Dunkel, Da du noch lebst? Denn schwer wird Lebenden, dieses zu schauen.
So spricht die verstorbene Mutter den verschollenen Sohn Odysseus an, der auf Anraten der Kirke hin am Eingang des Hades den Seher Theiresias über den Ausgang seiner Heimfahrt befragt. Eine Mahnung an die eigene Vergänglichkeit. Und darüber hinauas anscheinend ein menschliches Bedürfnis, mit den Toten in Kontakt zu treten und sie um Rat zu bitten. Es gibt keinen besseren Ort dafür als Palermo, wo dieses Bedürfnis über Jahrhundert geübte Praxis war. Noch bis vor hundert Jahren stiegen in Leute hinunter in die kühle Gruft des Kapuzinerklosters, wo sie ihre mumifizierten Toten in Mauernischen hängend an der Wand vorfanden. Da hängen sie noch heute und können besichtigt werden, mit einem gruseligen Schauer, denn schon am Eingang wird man ermahnt.
Ihr seid, was wir waren und werdet sein, was wir sind.
von KMF | Juli5, 2026 | Allgemein
Das ist die Boardwalk. 117m lang, konzipiert als Familienyacht, gebaut bei Lürssen und nagelneu. Zwei Hubschrauberlandeplätze, einen bordeigenen Beachclub, geräumig Platz für elf Gäste.
Sie ist die Nr. 50 der weltweit größten Yachten. Ihr Eigner ist Tilmann Fertitta, ein US Milliardär, der in Texas sein Glück mit Hotels und Restaurants gemacht hat. Und dem Galveston Boardwalk, einem Vergnügungspier ähnlich dem in Santa Monica.
Damit könnte dieser Beitrag enden. Wenn die Yacht nicht permanent ein bis zwei Schnellboote der Guardia di Finanza um sich hätte. Ich finde heraus, dass Mr. Fertitta derzeit der US Botschafter in Italien ist und einen heiklen Job hat, da sein Chef und Frau Meloni sich öffentlich in den sozialen Medien zanken. Herr Fertitta hatte die großartige Idee, mit seiner Yacht eine 250 Jahr-Feier-Tour der Unabhängigkeitserklärung durch Italien zu machen. Venedig, Palermo, Genua. Syracuse, ganz ähnlich wie Jeff Bezos im Vorjahr Venedig zur Kulisse seiner Hochzeit machen wollte. Doch Venedig hat Herr Fertitta den gleichen Mittelfinger gezeigt wie Herr Bezos. Der Finger ist ja heutzutage zur inflationären Standardgeste des No Way! geworden. Und jetzt liegt die Boardwalk am 05. Juli 2026, also ein Tag nach Independence Day in der Bucht nördlich von Palermo. Vor unserer Nase. Sie wird von den Behördenbooten beschützt, liest man in der lokalen Presse.
Vielleicht gut, dass die USA und Italien dieses Jahr in der Fußball WM nicht aufeinandertreffen können. Hätte Mr. Trump die Rote Karte gegen den US Stürmer vor einem Viertelfinale gegen Italien wegdiskutiert, hätten zwei kleine Schnellboote zum Schutz der Botschafteryacht womöglich nicht gereicht.
von KMF | Juni17, 2026 | Mitsegeln, Odyssee
„Ich würde euch gern auf dem Schiff besuchen“, sagte neulich ein Freund, mit dem wir am Wochenende telefonierten. „Wo seid ihr denn gerade?“
Ich antwortete korrekt mit „Auf Gozo. In der Dwejra Bay.“, und erntete ein „Ach ja.“
Die Dwejra Bucht liegt hinter einem mächtigen Felsen am westlichen Ende der westlichsten maltesichen Inseln. Sie ist kreisrund in den Fels geschnitten, der unser Boot um das fünffache überragt. Es gibt keinen offiziellen Zugang zu ihr. Wenn man hier über Nacht ankert, ist man mit den Fischen und den Vögeln, die in ganzen Kolonien in den Felsspalten nisten, allein. So kristallklar und sauber wie das Wasser ist auch der Nachthimmel. Frei von jeder Lichtverschmutzung. Lange nicht mehr habe ich die Mondsichel so klar zwischen Venus und Jupiter treten sehen wie hier.
„Und wie komme ich dahin?“, will der Freund wissen.
Ich sage, „Ganz einfach“, obwohl ich weiß, dass das die abenteuerlichste Anreise sein wird, die er jemals unternommen hat.
„Du fährst zum Frankfurter Flughafen und besteigst den Flieger nach Malta. Dort angekommen nimmst Du ein BOLT-Taxi in den Hafen und buchst eine Fähre nach Gozo. Die gehen alle halbe Stunde mit Highspeed und bringen Dich in vierzig Minuten ans Ziel. Dann nimmst Du wieder ein BOLT an den westlichen Zipfel der Insel. Dort ist eine kleine Lagune, wie ein natürlicher Pool. Sie ist durch eine Felsspalte, kaum breiter als ein kleines Gummiboot, mit dem Meer verbunden. Ich werde Dich dort an dem kleinen Steg abholen. Wir fahren durch den Felsspalt hindurch aufs Meer, danach eine Meile nach Süden und an einem großen Felsen vorbei, der wie ein Pilz aussieht. Dahinter liegt die Dream Chaser.“
Ich weiß nicht warum, aber er ist dann doch nicht gekommen.
von KMF | Mai30, 2026 | Odyssee
Wir freuen uns über unsere neue Decksverkleidung. Rundherum ein heller, freundlicher Stoff, Ton in Ton mit der neuen Segeltasche und dem ebenfalls neuen Dachhimmel des Steuerstandes. Und endlich wieder Fenster mit klarer Durchsicht.
Das alte Zeug kann weg. Ich will es an üblichen Müllplatz der Marina bringen, wo sich seit Tagen alles kreuz und quer über die blau-grün-gelben Tonnen hinweg stapelt. Müll auf Sizilien ist ein Problem. Die Abfälle werden oft nicht abgeholt, Deponien sind überlastet oder schließen. Der wachsende Tourismus wächst der Insel über den Kopf. Genau genommen hatte man den Müll auf der Insel noch nie im Griff. Der Verdacht, dass damit dunkle Geschäfte gemacht werden, drängt sich auf.
In unserer Marina ist das nicht anders. Der alte Müllverschlag ist komplett überfordert, das Zeug lagert ringsum oft wochenlang.
Bis gestern Nachmittag, als ich mit meinen Planen ankam und das Zeug auf den großen Haufen werfen wollte.
Einer der Marineros, ein gutmütiger Kerl wie ein Bär, braungebrannt, Sonnenbrille, dichtes, kurzes Haar, weißes Poloshirt, kurze Hose, Schlappen, kommt auf mich zu und winkt mit der Hand ab. No no, mister.
Ein Herr mit Hemd und Hose tritt hinzu, von der Verwaltung, nehme ich an. Er klärt mich auf italienisch auf, dass die neue Müllentsorgung nun in Betrieb sei, ein nagelneuer Verschlag aus raumhohen weißen Brettern samt Dach aus Draht, ein Käfig geradezu und vor allem abschließbar, mit einem ordentlichen Türbeschlag. Die Zugangstür zu den nach Müllarten getrennten Compartments informiert auf italienisch über die neue Anlage und ihre Öffnungszeiten. Früh morgens zwei Stunden und drei Stunden am Abend, personell besetzt. Ich halte das zunächst für einen Scherz, ein überflüssiger bürokratischer Hinweis, hebe aber angesichts meiner Planen, die ich immer noch unter dem Arm trage, fragend die Schultern.
Speziale, mixed, sagt der Brummbär- Marinero. Er verweigert die Müllannahme und verweist mich an eine Deponie, die ich ohne Auto nicht erreichen kann.
Non ho una machhina, sage ich und ziehe erneut fragend die Schultern hoch.
Der Brummmbär tritt verständnisvoll näher, und fragt mich ernsthaft, ob ich das Zeug nicht wieder mitnehmen, und auf hoher See entsorgen könne. Er macht dazu eine Bewegung, als würde er einen Eimer Schmutzwasser auf die Straße kippen.
Worauf ich ihn wohl entsetzt angeschaut habe, denn er lenkt sogleich ein.
Ok ok, not good for fish, eh?
Not good for fish, bekräftige ich und mit einem Nicken.
Der Brummbär lässt jetzt deutlich ein kurzes Brummen vernehmen und sagt auf englisch das sich wie italienisch anhört: Komm mit. Er weist mich an, meine Abfälle auf die Ladefläche ein Golfcaddie zu legen, sein Dienstfahrzeug in der Marina. Wir fahren damit zum Kontrollturm der Marina, der an zentraler Position der weitläufigen Anlage alle Pontoons überragt, die Bootstankstelle beherbergt, und auch das Hauptquartier der Marineros, samt Werkstatt und Ersatzteillager.
Er geht hinein und kommt mit drei dicken Plastiksäcken wieder, in die wir die vergammelten Planen stopfen.
Ich weiß nicht, was er vorhat. Fahren wir jetzt mit dem Golfcaddie zur Mülldeponie, irgendwo am Fuße des Ätna, wo alles abgeladen wird, bis es unter ausströmender Lava begraben wird? Möglich wär’s, der Vulkan aktiv. Meine Frau und ich sehen das vom Hafen aus. Fast täglich Aschewolken und manchmal frische Spuren von Lava im Schnee.
Der Brummbär stoppt sein Gefährt an der neuen Müllentsorung der Marina. Er gibt mir zu verstehen, dass ich ihm folgen soll, nimmt eine der Tüten von der Ladefläche, ich zwei. Er führt mich zum Verschlag mit Plastikabfällen, und stopft die Tüte in die neu bereitgestellte noch leere gelbe Tonne für Plastikmüll. Ich tue es ihm nach, und schaue wohl erneut fragend.
Er grinst mich freundlich an und sagt: Now, it’s plastic.