Welcome to Tunisia. Ob Grenzpolizei, Hafenbüro, der Restaurantbesitzer oder der Straßenverkäufer. Alle begrüßen einen auf diese Art, und sie meinen es. Die Menschen hier sind auffallend freundlich und zugewandt.

Hell strahlen die schönen Plätze der Welt. Sidi Bou Said ist so ein Ort. An den Hügel nördlich von Tunis schmiegen sich weiße Häuser mit blauen Fenstern, umgeben vom üppigem Grün. Sie grenzen an die Mauern von Karthago, wo antike Säulenreste die Straße säumen, als stünden sie in Nachbars Garten. Vom Pool unseres Hotels aus  überblicken wir Bucht und Hauptstadt. Wir sehen geradzu auf sie herab. Sidi Bou ist eine malerische Oase. Die Straßen sauber, die Häuser gepflegt, der Strom fällt nicht aus, auf dem Zimmer steht gekühltes Trinkwasser bereit. Malerisch, weil sich hier schon vor hundert Jahren Künstler trafen, um sich von exotischem Zauber inspirieren zu lassen. Macke, Klee,  und auch der Reisende heutiger Tage spürt noch etwas von diesem Zauber. Er lieht für mich in den großen Holzportalen der Häuser, zweiflügelig, bunt, mit je einem schweren Metallring auf Brusthöhe. Sie repräsentieren das, was dahinter liegt, und verbergen es doch, ja beschützen es regelrecht. Man will eintreten, doch es wird einem nicht gewährt. Uns Touristen jedenfalls nicht. Was sich einem zeigt, sind indessen andere Dinge.
Nach vier Wochen Reiseunterbrechung kehren wir an Bord der Dream Chaser zurück. Sie liegt ruhig am Steg und wartet frisch gewaschen darauf, dass es bald wieder losgeht. Wir sind guter Dinge, freuen uns darauf, Tunesien noch ein wenig kennenzulernen, aber irgendetwas stimmt nicht. Wir merken es zuerst an unserer Batterieladung. Der 220V Landstrom funktioniert nicht, die Sicherung des Battery Chargers ist herausgesprungen. Ich befürchte schon ein Problem mit der Bordelektrik, bis ich erfahre, dass in den letzten Wochen in Tunesien regelmäßig Stromprobleme und -ausfälle über mehrere Stunden zu verzeichnen waren.
In einer lokalen Chatgruppe von Seglern beschwert sich eine australische Skipperin, dass es derzeit kein Wasser in Flaschen zu kaufen gebe. Ich kenne die Frau, sie ist schwierig und nicht unbedingt glaubwürdig, ich überprüfe aber sogleich unsere Wasservorräte. Wir haben noch vier große Flaschen. Außerdem könnten wir, wenn nötig, das Wasser aus unserem Brauchwassertank abkochen. Den Strom dazu kann unser Generator liefern oder der Gasherd. Gedanken, als wären wir in einer Art Überlebensmodus.
Gleichzeitig gestaltet sich unsere Reiseplanung entlang der tunesischen Küste problematisch. Sie ist von der Küstenwache stark bewacht, um Schmuggel und illegaler Migration nach Europa vorzubeugen. Das Ankern in Buchten ist zwar grundsätzlich nicht verboten, erfordert praktisch aber eine Genehmigung der Küstenwache, die sie nicht erteilt. Gleichzeitig sind alle Formalitäten aufwändig, vor allem, wenn man eine vom Zoll verplombte Drohne an Bord mitführt. Sie muss von einem offiziellen Port of Exit entplombt werden, von denen es nur wenige gibt. Unser Wunschhafen für diese Prozedur ist Sidi Bou Said. Die Einfahrt des kleinen Hafens ist allerdings verschlammt, die aktuelle Wassertiefe unbekannt. Ein regelmäßiges Ausbaggern findet nicht statt, so dass wir nach Abwägung aller Umstände beschließen, die Gegend von Land aus zu erkunden und Tunesien Ende der Woche von Hammamet aus zurück nach Pantelleria zu verlassen.    

Am kühlen Pool lässt sich entspannt durch die Nachrichten der Welt surfen, Al Jazeera, NZZ, Tagesschau. Gestern war der deutsche Außenminister zu Besuch in Tunis. Wir hätten ihm über den Weg laufen können. Es ging um dringende Themen der Wirtschaft und Sicherheit, heißt es, und so zeichnet sich langsam das Bild ab, das die Vorgänge um uns herum erklärt.
Das Land ist zwar stabiler als seine Nachbarn, mit denen es Konflikte entlang der Grenzen austrägt, aber wirtschaftlich und politisch im Abschwung. Der einträgliche Tourismus ist mit Covid um mehr als die Hälfte eingebrochen und kehrt nur langsam wieder zurück. In der Zwischenzeit verrotten die Ferienanlagen. Darüber hinaus macht den Tunesiern die Hitze zu schaffen, die in diesem Sommer mehrfach an 50° heranreicht. Der Strombedarf ist dadurch gestiegen, und ich lerne überrascht, dass das Land bislang kaum auf Photovoltaik setzt. Seit einiger Zeit ist der Bedarf an Strom so hoch, dass er rationiert werden muss. Täglich, über mehrere Stunden. Dadurch geht unter anderem die Wasserproduktion zurück, Trinkwasser wird knapp. Auch Krankenhäuser und Apotheken sind beeinträchtigt. Die Menschen gehen aus Protest auf die Straße.
Der Präsident der einstmals ersten islamischen Demokratie geht repressiv gegen seine Bevölkerung vor. Die Behörden haben die Sicherheitskräfte im Land verstärkt. An den Zugängen der Touristengebiete wurden Straßensperren verstärkt. Auch in Hammamet. Wir haben sie mehrfach passiert. Dem autokratischen System gelingt es bislang nicht, die Probleme in den Griff zu bekommen. Was die eigene Bevölkerung langsam auf die Barrikaden bringt. Und womöglich auf die Idee, nach Italien auszureisen. Nach Pantelleria sind es von Kelibia aus nur vierzig Meilen. Davor fürchten sich alle. Der Präsident und Europa.
Welcome to Tunisia. Man wird auf der Straße gegrüßt, die Leute sind hilfsbereit und lassen sich auf Gespräche ein, auch über die Lage im Land, die sie irgendwie von ihrer persönlichen Lage unterscheiden. Sie sprechen französisch, englisch und deutsch. Ein Land voller Überraschungen, vor allem im.Kontrast zu Sizilen.
Gestern erkundeten wir die Medina von Tunis. Das Taxi, das uns abholte, bat uns zum Einsteigen in eine Seitenstraße neben dem Hauptzugang, der unter Polizeischutz steht. Angeblich, werden Taxifahrer willkürlich gegängelt und Schutzgelder verlangt. Auf dem Rückweg nach Sidi Bou Said waren wir auf Schleichwegen unterwegs und mich beschlich das Gefühl, dass sich nicht genau sagen lässt, wer mehr Dreck am Stecken hat. Das Schleichen macht etwas mit einem. Und wenn es nur ein ungutes Gefühl ist. Es ist mir ganz recht, das Land auf direktem Wege wieder zu verlassen.

Zur Vorbereitung unserer Abreise verlassen wir unseren Liegeplatz und fahren zur Tankstelle am Hafeneingang in Hammamet. Kaum angelegt haben wir drei Leute um uns. Einen Marinero, den Engländer, der unser Boot betreut hat und dem wir noch Geld schulden, und einen Mann, den ich nicht zuordnen kann, weil er in zivil ist. Er steht nur herum und beobachtet, was vor sich geht. Ich kann mich täuschen, aber wir haben beide den gleichen Eindruck. Man passt auf uns auf. Und darauf, dass wir nicht einfach verschwinden. Wie nie zuvor in meinem Leben wird mir klar, dass Sicherheit und Freiheit sich gegenseitig ausschließen.
Wir wollen morgens um vier Uhr ablegen, begleichen am Abend unsere Hafenrechnung und melden uns vorab bei der Grenzpolizei und dem Zoll.
No problem, Captain. We are here day and night. Und tatsächlich. Die Nachschicht stempelt uns aus, der Zoll macht noch eine kurze Schiffsbegehung und dann wünschen Sie uns eine gute Reise.
Au revoir Tunisie 🇹🇳

Last Updated on 6. September 2026 by KMF

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