„Palermo benebelt die Sinne. In der flirrenden Luft zerfließen die Konturen. Dazu die schweren Weine und der ständige Fäulnisgeruch – all das ist einem klaren Verstand nicht eben zuträglich.“, schreibt der Reiseblogger Chr. Driessen über die Stadt, und ich weiß genau, was er meint. Ich kenne keine vergleichbare Stadt. Palermo ist bunt, ist laut. Es verglüht am Tag und blüht auf bei Nacht, es drängt sich einem auf mit komplexen Gerüchen. Es schenkt mir ein strahlendes Lächeln in Gestalt lieber Menschen und versetzt mir gleich darauf einen Hieb in die Magengrube. Palermo setzt mir zu.
Zwei junge Frauen streunen gemeinsam durch die Nacht. Die eine ist Asiatin in BH, Hotpants und Lackstiefel, die andere eine verhüllte Muslima. Nach allem, was ich vom Leben traditioneller islamischer Familien weiß, ist das nicht möglich. Es geht im meinem Kopf nicht zusammen.
Eine ärmlich aussehende Südländerin bettelt am Tisch, während sie ihren Kleinen in einem ultramodernen neuwertigen Buggy vor sich her schiebt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie sich an den Nachbartisch setzte und Paste bestellte.
Die Autos in der Stadt haben zu wenig Platz. Von zwanzig, die nacheinander an mir vorüber fahren, haben alle zwanzig ein Blechschaden. Gefahren wird nach der Methode ‚first come, first serve‘, egal was Regeln oder Ampeln sagen, und der beste Weg ist der kürzeste, also etwa im Kreisel links am Rondell vorbei. Geparkt wird, wo man gerade steht. In zweiter Reihe, quer zur Markierung oder schräg auf einer Straßenkreuzung, wie der zerbeulte Toyota vor uns. Der Bus, in dem wir sitzen, kommt nicht durch, muss drei, vier Minuten warten, bis der Fahrer des Wagens aus dem Tabakladen kommt, wo er wahrscheinlich seinen Lottoschein abgegeben hat. Derweil Dauergehupe auf der Kreuzung, Palaver zwischen Passanten und Busfahrer. Der Ton wird aggressiv, hat etwas Kriegerisches geradezu. Bis sich mit dem Eintreffen des Fahrers alles in Wohlgefallen auflöst und jeder seiner Wege geht, als wäre nichts geschehen. Es geht in meinem Kopf nicht zusammen.
Die Stadt hat zweifellos auch dunkle Ecken. Eine davon ist Mole 3 am Ende der Hafenmauer. Hier ist man den Ozeanriesen beim Anlegen am Nächsten. Für uns im Transit gab es leider keinen Liegeplatz im Innenbereich der Marina, also liegen wir jetzt hier, am Ende der Mauer, gleichsam am Ende der örtlichen Welt, mit Blick auf Blechcontainer und Getränkeautomat. Es ist auch der Standort eines Ruderclubs. Hier wird früh morgens ernsthaft trainiert. Viele junge Leute, Männer und Frauen, auffallend muskulös. Es hat etwas Ästhetisches, wenn sie in ihren pfeilschnellen Booten elegant übers Wasser gleiten. Der Endbereich der Mole ist durch mobile Gitter abgetrennt und ein Verbotsschild soll Unbefugten den Zutritt verwehren. Das soll den vier, fünf Yachten, die hier liegen, Sicherheit bringen. Nur interessiert es niemand. Nachmittags klettern kleine Jungs auf der Mauer und der an ihrem Ende eingerichteten Polizeistation herum, die freilich unbesetzt ist. Sie springen unter lautem Gekreische ins Hafenbecken. Abends hängen Angler ihre Ruten zwischen den Schiffen ins schmutzige Hafenbecken. Nachts kommen Herumtreiber. Sie ziehen sich aus dem Automaten ein Getränk, machen sich es auf dem rostigen Geländer bequem und rauchen ein Tütchen. Oder lassen die Motoren ihrer Mopeds aufheulen.
Gestern wurden wir in der Nacht von Geräuschen aus unruhigem Schlaf aufgeschreckt. Wir eilten halbnackt an Deck, auch Carola nur im Höschen, im Rennen ein schneller Griff nach dem Handtuch. Zwei junge Männer waren im Begriff, sich an der Dream Chaser zu vergreifen. Einer stand bereits im Dinghy, das zwischen Boot und Hafenmauer dümpelte, der andere haderte noch. In lauter Angst überschütteten wir die Beiden mit Flüchen und Schreien, ich schubste das Beiboot mit dem Fuss vom Schiff weg, der Idiot hätte dabei fast das Gleichgewicht verloren. Mit Mühe hangelte er sich auf die Hafenmauer zurück und wäre dabei fast ins Wasser gegangen. Vielleicht war es weniger mein Tritt, als Carolas Brüste, die ihn aus dem Gleichgewicht brachten, auch wenn sie inzwischen von einem Handtuch verhüllt waren. Wieder festen Boden unter den Füßen, versuchten beide zu beschwichtigen. Man wollte ja nur mal schauen. Was so geht, auf fremden Schiffen. Als würde das gehen.
Wir riefen Polizia, Polizia, worauf die Beiden ihre Mopeds bestiegen und sich davon machten.
Last Updated on 10. Juli 2026 by KMF
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