Wir sitzen bei einem Becher Glühwein und genießen den frühen Untergang der Sonne hinter dem nur spärlich weißen Bergmassiv. Eine Nachricht kommt herein. Sie zeigt das Bild eines zerfetzten Bootshecks. Wie eine klaffende Wunde, die umgehend genäht werden muss, sieht das aus. Auf einem weiteren Foto ein Motorraum, der soweit unter Salzwasser steht, dass der Motorblock zur Hälfte darin verschwindet.
Sein Name ist Harry. Manche nennen ihn bereits Dirty Harry. Ein Tief, das Mitte Januar über Nordlibyen einen Trog ausgebildet hat und tagelang warme Luft über das Ionische Meer schaufelt, ein Sturm mit über hundert km/h, bis sich das Wasser so hoch auftürmt, dass leicht ein dreigeschossiges Haus davon überspült werden könnte. Oder eine Hafenmauer, samt der dahinter liegenden Boote. So etwas haben sie noch nicht erlebt, sagen die Einwohner von Riposto, auch die Alten nicht.
Wir brechen den Skiurlaub ab, packen um, fahren nach Hause und nehmen am nächsten Morgen den Flieger über Mailand.
Das letzte Drittel unserer Etappe führt uns entlang der Küste Italiens mit seiner markanten Kartographie, an dessen Schienbein wir über den Fussspann hinweg zur Stiefelspitze mit unserer Dream Chaser runterrutschen.
‚La bella Italia‘ – wie sehr hatte ich mich darauf gefreut. Sogar die italienische Sprache habe ich angefangen über ‚Duolingo‘ zu lernen.
Und genau dort, wo Du einen Schienbeintritt vermeintlich am schmerzvollsten spürst, hat es bei uns einen heftigen Bluterguss hinterlassen, als man unser Beiboot im Hafen von Anzio, südlich von Rom, gestohlen hat. Ich muss gestehen, das Hämatom verblasst nur langsam.
Seither hat auch mein Online-Sprachkurs ein abruptes Ende gefunden. Ich hatte es bis dato eh nur bis zu Obst und Gemüse geschafft.
Und jetzt bekommen wir auch noch kräftig auf den Zeh getreten. Genau so fühlt es sich an, als wir unser Winterquartier in Riposto bei Catania erreichen.
Aus dem Nichts erreicht der Wind plötzlich Sturmstärke beim Anlegen an der Bootstankstelle. Kurz darauf liegen wir 5-fach vertäut über Nacht mit Dieselgeruch in der Nase, an der Tanke fest. ‚Take it easy‘, denke ich, als sie uns am nächsten Morgen einen Liegeplatz an der äusseren Hafenmauer zuweisen. Alle Plätze im kuscheligen Hafeninneren sind belegt. Schon klar, wir haben ja auch erst vor einem Dreivierteljahr die Reservierung vorgenommen.
Die Dream Chaser kommt drei Tage lang auf den mit Schaumkronen bespickten Wellen im Hafenbecken nicht zur Ruhe und stemmt sich unermüdlich gegen den Wind. Das zerrt nicht nur an den Leinen, sondern auch an unseren Nerven.
Als wir bei diesem Höllenwind von Bord wollen, liegt unser Boot so weit von der Hafenmauer entfernt, dass ich selbst mit meinen langen Beinen keine Chance sehe, den Sprung an Land zu schaffen. Also schmeisse ich meine Flip-flops schon mal auf die Uferpromenade und warte auf die nächste Windböenflaute, die den Abstand verringern wird. Während ich die große Lücke zwischen Bootsende und Hafenkai fest im Blick halte, sehe ich aus dem linken Augenwinkel einen rostroten, verbeulten Lancia auf der Promenade anrollen. Als ich den Kopf hebe, kann ich nur noch tatenlos zusehen, wie dieses Gefährt im nächsten Moment ohne jegliche Hast über meine Flip-flops rollt und seine schwarzen Reifenabdrücke auf meinen weißen Gummischuhen hinterlässt. Der völlig merkbefreite Fahrzeuglenker, älteren Kalibers, stiert unterdessen weiterhin geradeaus auf den Asphalt vor ihm. Ob er meine italienische Schimpfworttirade akustisch überhaupt wahrgenommen hat, bleibt ungewiss.
Tagessoll erreicht. Ich habe gerade keine Lust mehr.
Der Zufall hat uns in dieses Städtchen im Nordwesten Sardiniens gespült. Wir suchten einen Platz, an dem wir vor dem nahenden Mistral ein paar Tage sicher liegen konnten und fanden einen alten Hafen nahe der historischen Stadtmauer, hinter der sich in den Gässchen nette Restaurants und Boutiquen anbieten. Es muss zu Italien gehören. Die Menschen sind hier besser angezogen als in Spanien, vor allem die Männer.
Ein jeder Handwerker, ob Profi oder Hobbyist, kennt ihn, den Schmierstoff für alles was klemmt, hakt, qietscht oder ungängig ist.
Cartagena Hafen – wir liegen für ein paar Tage länger als geplant vor Ort aufgrund von Er-satz-teil-be-schaf-fungs-mass-nahmen. Es zieht sich in die Länge, wie das Wort.
Neben uns liegt eine 12 Meter Segelyacht ‚Bavaria 42‘, bewohnt von einem netten Spanier und seiner Freundin. Sein Bonsai und weiteres Grünzeug an Deck pflegt er täglich liebevoll, zupft welke Blätter aus der Pracht und wässert die Töpfe regelmäßig.
Tagsüber herrscht reges Treiben im größten Wirtschafts- und Militärhafen Spaniens. Am Abend kehrt mit der untergehenden Sonne vermeintlich Ruhe ein und die Boote schaukeln im dunklen Wasser leicht auf und ab.
Es fühlt sich an wie Urlaub, wäre da nicht das monotone uiiek-grrch – uiiek-grrcĥ, das alle drei Sekunden vom Nachbarboot herübertönt.
Es nervt. Man zählt förmlich die Sekunden bis zum nächsten ‚Unton‘, den die metallene Spiralfeder, befestigt an der Heckleine der ‚Bavaria 42‘ von sich gibt. Zumindest hält die Leine das Boot im Hafen fest.
Ich sehe den Gedankenblitz in Klaus‘ Augen, als er die WD-40 Sprühdose aus dem Werkzeugkasten zaubert und mit dieser hinter seinem Rücken auf unser Nachbarboot über den Steg zusteuert, sich noch einmal vorsichtig umschaut, nach vorne beugt und dem Corpus delicti mit drei Pumpstössen aus der WD-40 Dose paroli bietet.
„Marina de Lagos – Marina de Lagos – This is SY Dream Chaser – Come in please – over“
Die leicht verzerrte Antwort aus dem Handfunkgerät erfolgt umgehend: „This is Marina de Lagos – Go ahead please – over“
Wie häufig hatten wir in den letzten zweieinhalb Jahren als Langzeitlieger in der uns liebgewonnen Marina diesen Funkverkehr wohl geführt mit der immergleichen Rückmeldung „The bridge will open in 5 minutes – over and out“
Es sind die üblichen portugiesischen 5 Minuten – aus denen auch schnell mal 20‘ werden können. An der Westküste der Iberischen Halbinsel ticken die Uhren nunmal anders.
Wir sind bereit zum Auslaufen.
Mein Blick bleibt auf der ockerbraunen, undurchdringlichen Wasseroberfläche, verschlammt durch tagelange starke Regenfälle, hängen. Eine Farbe wie der morgendliche Kaffee meines Chefs. Lagos will mich loswerden – mein Chef will es nicht, das weiß ich. Es war zunächst eine Art Schockstarre gefolgt von Bedauern, als ich ihn vor ein paar Tagen über meine Entscheidung, aus dem Berufsleben in Kürze auszuscheiden, in Kenntnis setzte. Es ist mehr als das – es ist ein Loslassen.
Ein Prozess den ich in den letzten zwei Jahren durchlebt habe. Ich will frei sein, raus aus dem Hamsterrad.
All das brauchte seine Zeit, die mich emotional abwechselnd vom Wellen-Peak in das Wellental und wieder nach oben gespült hat. Eine starke Auseinandersetzung mit mir selbst.
Die anfängliche Panik des Loslassens hat sich mittlerweile in pure Freude und Erleichterung gewandelt, die auch meine Familie und Freunde mit mir teilen. Es fühlt sich rundherum gut an. Es ist ein Neubeginn.
Das Tonsignal, das kurz vor Öffnung der Brücke ertönt und die Fußgänger sogleich in die Schranken weist, um den Schiffsverkehr passieren zu lassen, holt mich zurück in das Hier- und Jetzt.
Ich sehe zu, wie sich die Brückenmitte langsam öffnet und gebe meiner Crew, bestehend aus Ehemann und gutem Freund, das Kommando „Leinen los“. Die Dream Chaser gleitet an den Nachbarbooten vorbei – unsere Freunde und Bekannte stehen an Deck der „Bobby Dazzler“, der „Castle Island“ und winken uns zum Abschied noch einmal zu. Auch Peter auf seiner geliebten „Salara“,scheint es mir, obwohl er bereits vor über einem Jahr auf ihr verstorben ist.
Ich schaue vor mir in den Himmel und konzentriere mich auf die beiden nach oben ragenden Brückenhälften – Mastposition Kurs mittig – so, wie immer – so, nun zum letzten Mal. Ich hebe mein Arm zu einem letzten Gruß an den Marinero im Marinatower.
Die Bugwellen umspielen die Dream Chaser auf dem Weg durch den Kanal auf das Meer hinaus. Mein verschwommener Blick heftet sich länger als sonst auf die eiserne Brücke hinter uns – bis das Tonsignal letztmalig verstummt.
Ein Vorwärts – kein Rückwärts – so also fühlt es sich an – das Ende vom Anfang unserer Odyssee.
Die Algarve ist wütend. Mit heftigem Wind und gut zwei Meter Welle von schräg Achtern schüttelt sie uns zwei Tage lang durch, bis wir die spanische Grenze erreichen.
Ich lasse meinen Blick immer wieder über den Horizont gleiten, bis ich die Küste Marokko’s schemenhaft erkennen kann. Die Sonne spiegelt sich in der Bucht von Cadiz.
Zwischenstop. Die erste längere Etappe ist geschafft. Cartagena ist eine Stadt in der Region Murcia. Ihre Geschichte geht auf die Zeit zurück, in der das Mittelmeer Mare Nostrum genannt wurde. Ein strategisch gut liegender Ort auf dem Weg n ach Gibraltar. Was hinter dem eher schmalen Zugang zur Bucht liegt, ist vom Meer her nicht einsehbar. Der ideale Ort für eine Militärbasis. man sagt bis heute der größte Standort der spanischen Flotte im Mittelmeer. Wir haben sogar zwei U-Boote im Hafen liegen sehen. Hier können wir die Dream Chaser beruhigt verlassen und einige Wochen nach Hause gehen.
Impressionen zum Ende unserer ersten Etappe.
Diese Megayacht von Jan Koum haben wir vor drei Jahren vor Formentara schonmal gesehen. Im Hintergrund: 2 U-Boote der spanischen Marine.