von KMF | Apr.28, 2023 | Allgemein, Odyssee
Neben der Dream Chaser liegt die Salara.
Ein Zweimaster aus Holz und Stahl, der vom Bug bis zum Heck kaum zehn Meter misst. Klein, aber groß genug, um einen Mann zu beherbergen.
Salara ist der Name eines oberitalienischen Dörfchens.
Warum das ‚a‘ am Wortende?, wollte ich von Peter, dem britischen Eigner wissen.
Well, antwortete er, Schiffe sind schön. Und launisch. Und manchmal beides. Sie können nur weiblich sein.
Peter lebt seit Jahrzehnten auf der Salazara. Er ist mittlerweile über achtzig und hat seine Familie in England seit Jahren nicht gesehen. Seine Frau nicht, seinen Sohn nicht. Nur seinen Neffen, der Fußball spielt, den sieht er ab und zu, wenn ein Spiel dessen Zweitligamannschaft im Fernsehen übertragen wird. Dafür geht er gelegentlich in eine Sportsbar vor Ort.
Wer weiß, wann die Salazara zuletzt ausgelaufen ist. Sie hat stark Rost angesetzt, Die Segel wirken zerschlissen, die Leinen abgeschossen, das Teakdeck muss repariert werden.
You know, verrät er mir an einem Sonntag morgen, als er lautstark seine Ankerkette auf dem Ponton ausbreitet, weil sie dringend gereinigt werden muss, am Sonntag! Wenn ich das Geld hätte, würde ich mich als erstes scheiden lassen. Und dann würde ich mir ein neues Schiff kaufen.
Zwei Tage darauf fahren wir nach Hause.
Als wir vier Wochen später wieder zurückkehren, bleibt es ruhig auf dem Liegeplatz neben uns. Peter ist gestorben. Man hat ihn auf seinem Boot gefunden. Er saß zusammengesackt am Steuerstand unter Deck.
von KMF | Jan.1, 2023 | Odyssee
Silvester. Rausfahren, Segel setzen, an einem sandigen Strand vor Anker gehen, mit allem im Gepäck, was hinter uns liegt. Sanfte Wellen schaukeln uns in tiefen Schlaf. Und dann, nachdem wir uns von unseren Träumen haben fangen lassen in dieser Nacht, den Tag beginnen.
von KMF | Nov.24, 2022 | Odyssee
Heute haben wir die DREAM CHASER übernommen. Wie sich das anhört. Fast so, als hätten wir sie eingenommen, sie erobert, den Besitz ergriffen. Wir stellten uns allerdings vor, das Boot immerhin einräumen, es einsortieren zu können. Doch es ging kaum voran. Die noch unbekannte Technik bremste uns aus. Neugierige Nachbarn kamen zur Begrüßung und verwickelten uns in zahlreiche Gespräche, die Aktualisierung des Autopiloten dauerte einen halben Tag und brachte unsere Planung durcheinander, die Einkäufe waren Zeit raubender als gedacht. Es ist das Boot, das uns einsortiert. Das Ganze ist größer als wir.
von Carola | Nov.8, 2022 | Odyssee
Ich bin ganz schön aufgeregt! Klaus und ich sitzen auf einem Hotelbalkon in Lagos und schauen auf den malerischen Yachthafen vor uns. An Steg C liegt die ‚Dream Chaser‘ festgemacht. Das Kopfkino gönnt mir keine ‚Langnese-Pause‘, lässt meine Emotionen Achterbahn fahren und über die möglichen Konsequenzen will und kann ich im Moment gar nicht nachdenken. Wir sind am Nachmittag mit den Bootseigentümern verabredet. ‚Optionen ermöglichen‘, einer unserer Lebensdevisen. ‚Wir schauen uns das Boot einfach mal an und lassen es auf uns wirken.‘ Genau so haben wir das bisher immer gemacht; mit potentiellen Feriendomizilen, besichtigt bei wüstem Herbstwetter; mit unserem Garten, all die Jahre, um die Pflanzung und Plätze zu gestalten. Natürlich hat Klaus über den Katamaran vorab gründlich recherchiert und wir uns informiert. Wir sind solch einen Kat im vergangenen September sogar eine Woche lang gesegelt.
Gedanken beiseite; jetzt wird es ernst; wir sitzen nach einem Rundgang an Deck der ‚Dream Chaser‘, schauen uns kurz in die Augen und uns ist schlagartig klar, diese Option wollen wir ermöglichen, dieses Boot hat uns direkt eingefangen – die ‚Dream Chaser‘ – der ‚Traumfänger‘. Kann es einen schöneren Namen dafür geben?
von KMF | Okt.20, 2022 | Bootsthemen, Odyssee
Doch auf, sage mir dieses und berichte es mir zuverlässig: wie du verschlagen wurdest und in welcher Länder der Menschen du gekommen bist, berichte von ihnen selber und den gut bewohnten Städten, wieviele hart und wild und nicht gerecht und welche gastfreundlich gewesen und einen Sinn gehabt, der die Götter scheut. [Odyssee, VIII]
Dies fragte Alkinoos den Fremden, dem er seine Gastfreundschaft gewährte. Es war die Neugier, die ihn und die Phäaken antrieb, und sie ging weit über das Kennenlernen eines Fremden auf Durchreise hinaus.
Wir sind neugierig. So was von. Wie der Junge in Chennai, der hinter dem Zaun den kahlen Mann mit Kamera beobachtet. So wird der Fotograf zum Teil des Bildes und seiner Aussage.
Es reicht uns nicht mehr, diese Länder und Städte als Tourist oder Dienstreisende zu durcheilen, ohne Zeit, links und rechts des Weges zu schauen. Wir wollen wissen, ob sie hart und wild sind, oder gerecht und gastfreundlich. Und vielleicht erfahren wir auch, warum das so ist. Und mit noch etwas mehr Glück erfahren wir vielleicht sogar etwas über uns selbst, denn am Ende ist Neugier nicht weniger als das menschliche Verlangen nach Wissen.
Aktuell lernen wir Engländer kennen, die in Portugal ein Boot an ein deutsches Pärchen verkaufen wollen. Man nähert sich über E-Mails an, schaut im Internet erste Bilder. Dann greift man zum Hörer und schließlich trifft man sich virtuell an einem Donnerstag Morgen bei einer WhatsApp Videokonferenz. Dass das funktioniert war uns neu. Carola verzieht das Gesicht. In Lagos an der Algarve regnet es genauso wie in Wehrheim. Rob vor Ort führt uns mit seinem Smartphone durch das Schiff und verschafft uns so einen ersten echten Eindruck. Irgendwie faszinierend. Und so stehen wir jetzt in Kontakt zu einem Briten in Portugal, der nicht nur Schiffsingenieur ist, sondern auch Royal Yacht Master Ocean Examiner. Bei den Fliegern wäre das wohl so etwas wie ein Longrange Training Capitan. Das Boot ist jung, kaum gefahren, gut ausgestattet und prima in Schuss. Wir finden bislang kein Argument gegen es. Jetzt geht es ans Eingemachte. Wir geben ein Angebot ab.
von KMF | Okt.16, 2022 | Odyssee
Wann beginnt eine Odsyssee? Niemand geht los und sagt: Ich verirre mich jetzt. Wenn man sich nicht gerade voller Absicht in ein Labyrinth begibt, wächst die Erkenntnis, dass man dem Ziel nicht näher kommt, erst an einem viel späteren Teil des Weges. Und wenn man sein Ziel nicht kennt, kann man dann überhaupt wissen, ob man sich verirrt hat?
Wir hatten vor einigen Jahren die Vision, irgendwann mehr Zeit auf See zu verbringen. Im warmen Süden. Griechenland, am Ursprung unserer europäischen Kultur. Daraus wurde mit der Zeit das Ziel, die Inselwelt im östlichen Mittelmeer zu erkunden. Und zwar so lange, bis wir irgendwann heimkehren. „Ich segle auf den Spuren des Odysseus“, fing ich an, flapsig zu formulieren. Bis sich Carola einschaltete und sagte: „Wenn Odysseus glaubt, er könne sich wieder davon machen und den Kriegshelden spielen, während Penelope allein zu Hause sitzt und brav auf ihn wartet, dann hat er sich geschnitten. Penelope kommt diesmal mit!“ Das war die Geburtsstunde von Zeit auf See.