Die Entdeckung

Die Entdeckung

Ich stand am Grab des Christoph Kolumbus und kam mir klein vor. Neben mir stand ein Mann, dem es ähnlich zu ergehen schien. Er sah mit geöffnetem Mund nach oben in Richtung des Sarkophages und schien offensichtlich beeindruckt. Seine gebückte Haltung, die sonnengegerbte Haut und die knochigen Hände deuteten darauf hin, dass er jenseits der siebzig war. Seine kurzen Hosen, das Hawaihemd und die Baseballmütze auf dem Kopf ließen darüber hinaus erahnen, dass es sich um einen Touristen aus den Vereinigten Staaten handelte. Allerdings fiel mir auf, dass der Mann auf seltsame Art gerührt war. Seltsam deshalb, weil ich amerikanische Touristen in der Regel excited erlebe, nie aber gerüht. Ich sah darfaufhin ebenfalls nach oben. Der Sarkophag mit den letzten Resten des großen Mannes wird von vier überlebensgroßen Herolden getragen. Sie scheinen in Bewegung, wollen quer durch die heilige Halle. Vorbei an der Orgel, die bis zum Himmel reicht, zumindest aber bis zum Dachhimmel der Kathedrale, und womöglich durch den gegenüberliegenden Ausgang wieder hinaus. So kommt auch die letzte Reise dieses Abenteuerers und Entdeckers zu keinem Ende. Sie hat ihn bereits nach seinem Tod von Valladoid nach Sevilla geführt, von hier wieder zurück über den Atlantik nach Santo Domingo, weiter nach Havanna und vor einhundertzwanzig Jahren wieder zurück nach Sevilla. Von keinen Geringeren als den spanischen Königreichen selbst wird Kolumbus, nach dem auch ein Land in Südamerika benannt ist, das er nie betreten hat, getragen. Kastilien und Leon gehen aufschauend vorweg, Navarra und Aragon, die in den ersten Jahrhunderten nach der Wiederentdeckung Amerikas nicht so gut auf den zu sprechen waren, der als genuesischer Seefahrer in den Diensten Kastiliens gestanden hatte, schauen betreten zu Boden.
Sevilla feierte vor wenigen Jahrzehnten im Rahmen einer Weltausstellung die fünfhundertjährige Entdeckung Amerikas und bedankte sich bereits neunzig Jahre zuvor bei ihrem großen Entdecker, indem es ihm den Platz an der Puerta de la Lonja ihrer großartigen Kathedrale zubilligte. Einem Seefahrer unter Kirchenmännern, zu dem die ganze Bevölkerung aufschaut, ja aufschauen muss zu diesem hoch oben aufgebahrten Sarkophag, der etwas von einem Thron hat. Etwas so Großes, dass man davor sogleich bescheiden wieder den Kopf senkt, ja, geradezu das Bedürfnis verspürt, davor in die Knie zu gehen.  

Eine ganze Welt zu entdecken ist heute nicht mehr möglich. Nahezu jeder Quadratmeter der Erde ist inzwischen durchwandert, befahren, vermessen, auf seine Erschließbarkeit hin überprüft. Seefahrer, sofern es sie überhaupt noch gibt, sind nicht mehr auf der Jagd nach der Entdeckung von Länderein, Reichtümern und anderen Äußerlichkeiten, sie können die Abenteuer nur noch in ihrem Inneren finden. Wie der Deutsche Boris Hermann, der mit seiner Yacht an diesem Tag,  an dem ich vor Kolumbus‘ Grab stehe, ganz in der Nähe mit rasender Geschwindigkeit auf Gibraltar zuhält, um das härteste Segelrennen rund um die Welt, auf dem er sich seit über einem halben Jahr befindet, für sich und sein Team auf der letzten Etappe zu entscheiden. Es ist vor allem ein Kampf gegen sich selbst. Während der Admiral der Karacke Santa Maria und der beiden Karavellen Niña und Pinta vor einem halben Jahrtausend von Palos de la Frontera bei Huelva aus, auch dieser Ort ganz in der Nähe, eine Reise ins Ungewisse unternahmen, mit der Überzeugung immerhin, dass die Erde eine Kugel sei, weshalb es eine westliche Route nach Ostasien geben müsse. Eine Idee, die sich bereits bei Aristoteles fand, wie so Vieles, was wir Heutigen wissen.  

Was können wir, meine Frau und ich, also noch entdecken?  Wohin wird uns unsere Fahrt führen von diesem geschichtsträchtigen Ort aus? Die Welt, sie erscheint mir dieser Tage wieder geteilt in zwei Hälften durch die Säulen des Herakles, wie Gibraltar früher genannt wurde und das mir neuerdings wie ein Nadelöhr vorkommt. Ich habe die Erde von oben zur Genüge gesehen, habe sie merhfach umrundet. Doch hier unten komme ich mir vor wie eine winzige Fliege am Boden.
Der Mann neben mir muss auch meine Betroffenheit gespürt haben. Er wendet sich mir plötzlich zu und spricht mich auf englisch an:
Dieser, den man den großen Kolumbus nennt, was war so groß an ihm?  Was hat ein Abenteurer entdeckt, wenn er zeitlebens glaubte, etwas ganz anderes entdeckt zu haben? Sind wir nicht alle eher klein?
Darf ich mich vorstellen. Mein Name ist Diego, Diego Colón.

Ende einer Reise

Ende einer Reise

Neben der Dream Chaser liegt die Salara.
Ein Zweimaster aus Holz und Stahl, der vom Bug bis zum Heck kaum zehn Meter misst. Klein, aber groß genug, um einen Mann zu beherbergen.
Salara ist der Name eines oberitalienischen Dörfchens.
Warum das ‚a‘ am Wortende?, wollte ich von Peter, dem britischen Eigner wissen.
Well, antwortete er, Schiffe sind schön. Und launisch. Und manchmal beides. Sie können nur weiblich sein.
Peter lebt seit Jahrzehnten auf der Salazara. Er ist mittlerweile über achtzig und hat seine Familie in England seit Jahren nicht gesehen. Seine Frau nicht, seinen Sohn nicht. Nur seinen Neffen, der Fußball spielt, den sieht er ab und zu, wenn ein Spiel dessen Zweitligamannschaft im Fernsehen übertragen wird. Dafür geht er gelegentlich in eine Sportsbar vor Ort.
Wer weiß, wann die Salazara zuletzt ausgelaufen ist. Sie hat stark Rost angesetzt, Die Segel wirken zerschlissen, die Leinen abgeschossen, das Teakdeck muss repariert werden.
You know, verrät er mir an einem Sonntag morgen, als er lautstark seine Ankerkette auf dem Ponton ausbreitet, weil sie dringend gereinigt werden muss, am Sonntag! Wenn ich das Geld hätte, würde ich mich als erstes scheiden lassen. Und dann würde ich mir ein neues Schiff kaufen. 
Zwei Tage darauf fahren wir nach Hause.
Als wir vier Wochen später wieder zurückkehren, bleibt es ruhig auf dem Liegeplatz neben uns. Peter ist gestorben. Man hat ihn auf seinem Boot gefunden. Er saß zusammengesackt am Steuerstand unter Deck.

Erste Ausfahrt

Erste Ausfahrt

Silvester. Rausfahren, Segel setzen, an einem sandigen Strand vor Anker gehen, mit allem im Gepäck, was hinter uns liegt. Sanfte Wellen schaukeln uns in tiefen Schlaf. Und dann, nachdem wir uns von unseren Träumen haben fangen lassen in dieser Nacht, den Tag beginnen.

Es ist größer als wir

Es ist größer als wir

Heute haben wir die DREAM CHASER übernommen. Wie sich das anhört. Fast so, als hätten wir sie eingenommen, sie erobert, den Besitz ergriffen. Wir stellten uns allerdings vor, das Boot immerhin einräumen, es einsortieren zu können. Doch es ging kaum voran. Die noch unbekannte Technik bremste uns aus. Neugierige Nachbarn kamen zur Begrüßung und verwickelten uns in zahlreiche Gespräche, die Aktualisierung des Autopiloten dauerte einen halben Tag und brachte unsere Planung durcheinander, die Einkäufe waren Zeit raubender als gedacht. Es ist das Boot, das uns einsortiert. Das Ganze ist größer als wir.

Der Anfang ist gemacht

Der Anfang ist gemacht

Ich bin ganz schön aufgeregt! Klaus und ich sitzen auf einem Hotelbalkon in Lagos und schauen auf den malerischen Yachthafen vor uns. An Steg C liegt die ‚Dream Chaser‘ festgemacht. Das Kopfkino gönnt mir keine ‚Langnese-Pause‘, lässt meine Emotionen Achterbahn fahren und über die möglichen Konsequenzen will und kann ich im Moment gar nicht nachdenken. Wir sind am Nachmittag mit den Bootseigentümern verabredet. ‚Optionen ermöglichen‘, einer unserer Lebensdevisen. ‚Wir schauen uns das Boot einfach mal an und lassen es auf uns wirken.‘ Genau so haben wir das bisher immer gemacht; mit potentiellen Feriendomizilen, besichtigt bei wüstem Herbstwetter; mit unserem Garten, all die Jahre, um die Pflanzung und Plätze zu gestalten. Natürlich hat Klaus über den Katamaran vorab gründlich recherchiert und wir uns informiert. Wir sind solch einen Kat im vergangenen September sogar eine Woche lang gesegelt.

Gedanken beiseite; jetzt wird es ernst; wir sitzen nach einem Rundgang an Deck der ‚Dream Chaser‘, schauen uns kurz in die Augen und uns ist schlagartig klar, diese Option wollen wir ermöglichen, dieses Boot hat uns direkt eingefangen – die ‚Dream Chaser‘ – der ‚Traumfänger‘. Kann es einen schöneren Namen dafür geben?

Beginnen

Beginnen

Wann beginnt eine Odsyssee? Niemand geht los und sagt: Ich verirre mich jetzt. Wenn man sich nicht gerade voller Absicht in ein Labyrinth begibt, wächst die Erkenntnis, dass man dem Ziel nicht näher kommt, erst an einem viel späteren Teil des Weges. Und wenn man sein Ziel nicht kennt, kann man dann überhaupt wissen, ob man sich verirrt hat?

Wir hatten vor einigen Jahren die Vision, irgendwann mehr Zeit auf See zu verbringen. Im warmen Süden. Griechenland, am Ursprung unserer europäischen Kultur. Daraus wurde mit der Zeit das Ziel, die Inselwelt im östlichen Mittelmeer zu erkunden. Und zwar so lange, bis wir irgendwann heimkehren. „Ich segle auf den Spuren des Odysseus“, fing ich an, flapsig zu formulieren. Bis sich Carola einschaltete und sagte: „Wenn Odysseus glaubt, er könne sich wieder davon machen und den Kriegshelden spielen, während Penelope allein zu Hause sitzt und brav auf ihn wartet, dann hat er sich geschnitten. Penelope kommt diesmal mit!“ Das war die Geburtsstunde von Zeit auf See.

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