von KMF | Juni25, 2023 | Mitsegeln, Odyssee
Sevilla, die Stadt am Guadalquivir, ist eine Perle. Man kann die hundert Kilometer von der Flussmündung am Atlantik bis hierher mit dem Schiif befahren. Die Altstadt, die sich von einer Flussbiegung aus östlich an ihre Lebensader schmiegt, ist voller Schätze und Reichtümer. In ihren engen und verwinkelten Gassen pulsiert das Leben wie ein starkes Herz, das auf die ganze Region kraftvoll ausstrahlt. Und auf die Menschen, die sie besuchen.
In einem Gässchen des Stadtteils Triana, ganz in der Nähe des Wochenmarktes kamen wir nach einem langen hitzigen Tag in einem einfachen Café zu sitzen, bestellten etwas iberischen Schinken und Manchegokäse zu einem Glas kühlen Rosé, als aus einer Ecke des Raumes Gitarrenmusik erklang. Wir lauschten den Tonfolgen und Akkorden, die nicht unfröhlich, aber von einer tiefen Trauer getragen schienen. Vereinzelt stimmten in die Laute umsitzende Einheimischer mit kehligen Lauten ein, als kommentierten sie die Musik, mal zustimmend, mal wehklagend. Zwei, drei jüngere Männer fingen an, die Musik durch rhythmisches Klatschen der Hände zu begleiten und sie durch das schnelle Aufstampen mit den Absätzen ihrer Schuhe regelrecht Feuer an sie zu legen. Einer der Männer begann schließlich zu singen. Ich verstand ihn nicht, es konnte sich aber um nichts anderes handeln als um die Sehnsucht nach einer unerreichbaren Frau. Ihre Abwesenheit war förmlich spürbar. Umso größer unsere Verwunderung, als kurz darauf eine Tür aufging, die wir bis dahin nicht bemerkt hatten. Aus ihr trat eine Frau mit stolzen, kunstvoll gesetzten Schritten und von so farbenfroher Pracht, als käme ein Flamingo herein. Sie stimmte in das Klappern und Klatschen der Männer ein, steigerte dies nochmal durch die pure Kraft in ihren Beinen, und begann, schnelle, immer schnellere Drehungen auf der Bühne zu vollführen, bis ihr gepunktetes Kleid in einen einzigen Flamencowirbel verschwamm und das Publikum vollends mitriss. Eine Darbietung wie ein gewaltiges Naturereignis. Spontan und überwältigend. Und wir mittendrin. Kann es so etwas geben? Oder käme sogleich der Krüppel aus einer weiteren Ecke, um, in einer schrecklichen Vermengung von Faszination, Abstoßung und Mitleid seinen Hut von den zahlungskräftigen Touristen auf das Effizenteste befüllt zu sehen?
Im größten, das Publikum mitreißenden Schwung, sah ich einen kleinen Gegestand, der sich aus dem Gewirbel wie ein Funken löste und in einem Bogen, der seiner Physik entsprach, unter einen Blumentopf rutschte. Niemand außer mir schien den Vorgang zu bemerken, nicht einmal die Bailaora, die Tänzerin selbst. Der Tanz nahm seinen unvermeidlichen Verlauf, einer der Männer trat auf die Bühne und warb mittels Stierkämpferposen um die Gunst der Bailaora, die sich zierte. Ich betrachtete derweil das Schmuckstück. Eine schwarze Perle, in Silber gefasst. Es lag verwaist wie der Schuh eines Aschenputtel. Noch im Halbdunkel ging ein feiner Glanz von ihm aus, der einen Betrachter magisch anzieht.
Währenddessen kündete tosender Beifall vom Ende der Darbietung. Musikanten und Tänzer traten gemeinsam vor, um sich beim Publikum für dessen Aufmerksamkeit zu bedanken. Die Bailaora verneigte sich tief. Ich erhob mich blitzschnell, griff unter dem Blumentopf nach dem Schmuckstück, wagte mich gebückt bis an das Fußende der Bühne heran, griff vorsichtig nach der offenen Hand der flammenden Frau und legte sogleich das Schmuckstück hinein. Die Bailora, die spanischer nicht hätte sein können, bebte vor Überhitzung und sah zu mir auf. Dann sagte sie in einem Deutsch, das klarer nicht hätte sein können: Danke.
von KMF | Mai15, 2023 | Mitsegeln
Der Frühling ist mit voller Wucht an der Algarve eingefahren. Kräftig durchwärmt die Sonne den noch winterkalten Körper und der frische Wind, der von den Hügeln herab an die Küste weht, hält sie nicht davon ab.
Über den ersten Mai sind Freunde aus Deutschland zu Besuch. Yvonne und Dominik sind kurzfristig von Düsseldorf nach Faro geflogen. Ein paar Tage raus. Raus aus dem Alltag, raus auf’s Wasser. Wir lassen es gemütlich angehen, fahren nach Westen und werfen den Anker in der nächstbesten Bucht. Morgens um zehn ist sie noch menschenleer. Wir haben sie für uns allein und tauchen ein in die Faszination der Felsküste, erkunden Grotten und Höhlen mit dem Dinghy. Am Nachmittag lichten wir Anker und setzen Segel. Kurz Süd. Wenn wir es so über Nacht laufen lassen, taucht morgen früh die Küste bei Casablanca vor uns auf… Alles zu seiner Zeit.
Wir liegen abends wieder sicher im Hafen und freuen uns auf einen Pfanne King Prawns, Portugese Style. Viermal bitte, ordert Carola bei der Bedienung und freut sich schon darauf, das frische Brot in die würzige Sauce zu stippen.
von KMF | Apr.28, 2023 | Bootsthemen
Die Herausforderung, die am Anfang so groß war, sie beginnt langsam etwas zu schrumpfen, wird annehmbarer für uns, und manchmal sind es die kleinen Dinge, die das bewirken.
Unsere Leinen sind teilweise zu lang für ein optimales Belegen der Klampen. Sie müssen gekürzt werden. Denys, den Segelmacher anzurufen, wäre das Naheliegende. Der weiß, was er tut. Seine Bezahlung ist angemessen. Und doch …
Es reitet mich. Ich greife zu einem scharfen Messer und tue, was getan werden muss. Die Leine löst sich sofort in ihre einzelnen Lebensadern auf. Schlau wäre gewesen, dies auf beiden Seiten der Schnittstelle mit Klebeband zu verhinden. Ich mache das nachträglich und verliere dadurch etwas Leine. Nun denn.
Zwei verfranste Enden liegen vor mir. Wie Wunden, die vernäht werden müssen, am besten fachmännisch. Ich habe eine entsprechende Nadel und Segelgarn besorgt, eine Anleitung dazu gelesen und ein Lehr-Video im Netz geschaut. Und dann einfach angefangen zu wickeln. Zunächst ein Stabilisierungsfaden längs der Leine, danach viele Wicklungen quer, schließlich längs der Adern eine doppelte Wicklung. Zum Schluss eine Sicherung des Garns mit halbem Schlag. Et voilà: Mein erstes Takling. Ein gutes Gefühl. Wenn ich das kann, kann ich noch ganz andere Sachen. 🙂
von KMF | Apr.28, 2023 | Allgemein, Odyssee
Neben der Dream Chaser liegt die Salara.
Ein Zweimaster aus Holz und Stahl, der vom Bug bis zum Heck kaum zehn Meter misst. Klein, aber groß genug, um einen Mann zu beherbergen.
Salara ist der Name eines oberitalienischen Dörfchens.
Warum das ‚a‘ am Wortende?, wollte ich von Peter, dem britischen Eigner wissen.
Well, antwortete er, Schiffe sind schön. Und launisch. Und manchmal beides. Sie können nur weiblich sein.
Peter lebt seit Jahrzehnten auf der Salazara. Er ist mittlerweile über achtzig und hat seine Familie in England seit Jahren nicht gesehen. Seine Frau nicht, seinen Sohn nicht. Nur seinen Neffen, der Fußball spielt, den sieht er ab und zu, wenn ein Spiel dessen Zweitligamannschaft im Fernsehen übertragen wird. Dafür geht er gelegentlich in eine Sportsbar vor Ort.
Wer weiß, wann die Salazara zuletzt ausgelaufen ist. Sie hat stark Rost angesetzt, Die Segel wirken zerschlissen, die Leinen abgeschossen, das Teakdeck muss repariert werden.
You know, verrät er mir an einem Sonntag morgen, als er lautstark seine Ankerkette auf dem Ponton ausbreitet, weil sie dringend gereinigt werden muss, am Sonntag! Wenn ich das Geld hätte, würde ich mich als erstes scheiden lassen. Und dann würde ich mir ein neues Schiff kaufen.
Zwei Tage darauf fahren wir nach Hause.
Als wir vier Wochen später wieder zurückkehren, bleibt es ruhig auf dem Liegeplatz neben uns. Peter ist gestorben. Man hat ihn auf seinem Boot gefunden. Er saß zusammengesackt am Steuerstand unter Deck.
von KMF | Feb.28, 2023 | Allgemein
Der seemännische Brauch legt fest, dass man zu Ehren des Gastlandes, in dem man sich befindet, dessen Nationalflagge am Mast führt. Damit ist gleichzeitig auch zum Ausdruck gebracht, dass man sich den Gesetzen des Gastlandes unterordnet. Seit gestern weht unsere Portugalflagge unter strammem Wind aus Nord. Es läuft gut für uns bei den Portugiesen. Dank Roy, einem Engländer, der hier seit einigen Jahren lebt, und der für uns die Kontakte zu den lokalen Gewerken organisieren hilft. Ob Segelmacher, Rigger, Mechaniker, Taucher, viele helfende Hände halten die Dream Chaser in Schuss. Es dauert halt alles ein bißchen, denkt der Mitteleuropäer über das lokale Tempo hier. Das ist einfach so. Wir nehmen es zur Kenntnis und freuen uns über unser neues Dinghy samt in Betrieb genommene Engine, den gelieferten Watermaker aus Hamburg, der in den nächsten Wochen von Ralph, einem deutschen Mechaniker, eingebaut wird und die Aussicht auf einen zeitnahen Slot für ein aufgefrischtes Antifouling, wofür die Dream Chaser aus dem Wasser muss.