Mitunter kommt es anders als man denkt

Mitunter kommt es anders als man denkt

Wir hatten uns das schön ausgemalt, ein paar Tage an die Algarve im November. Carola zum Wochenende hin noch im Boat Office, dann rausfahren, bei leichtem Wind das Gennaker setzen, bis querab Faro in Sicht kommt. Über Nacht in der Lagune ankern. Wir nehmen uns Zeit bis in den Wochenbeginn hinein. Doch in dem kleinen Bankenturm in Frankfurt bringt ein kleines Chaos aus. Die Kollegin kommt nicht wie erwartet aus ihrem Urlaub zurück, sondern meldet sich krank. Die Arbeitslast ohnehin grenzwertig, und dann kommt unerwartet und kurzfristig ein neues Megaprojekt am Persischen Golf hinzu. Alles ruft in gefühlter Dringlichkeit nach einem Sofort, das es in Summe so nicht geben kann. Erstmalig das Gefühl, dass man auf dem Boot am falschen Ort sein könnte. Ab Freitag Abend machen wir uns auch über die Wettervorhersage Gedanken: Nebel, Windstille. Hartnäckig, bis Montag. Zwei Wetterbedingungen, so haben wir uns geschworen, werden uns immer davon abhalten, rauszufahren: Nebel ist die eine, Windstärken größer als 5Bf sind das andere. Allerdings ist auch nicht wirklich prickelnd, bei Windstille stundenlang unter Motor die Küste abzufahren.

Dann halt ein andermal, sagen wir uns, packen am Sonntagmorgen und fahren zum Airport. Die Sonne scheint. Montag wird für Carola ein ganz normaler Bürotag.

Die Säulen des Herakles

Die Säulen des Herakles

Hier geht es nicht weiter, so glaubte man im Mittelalter. Das Ende der Welt für Seefahrer, die über das Mittelmeer nach Westen fuhren, und sich nicht durch die Meerenge zwischen den Felsen von Dschebel Musa und Gibraltar hindurch trauten.“Non plus ultra!“ Diese Inschrift soll Herakles, dem durch seine Stärke berühmten griechischen Heros, der von den Göttern in den Olymp aufgenommen wurde, persönlich hier angebracht haben.

Doch es geht immer weiter. Einige Jahrhunderte später, nach der Entdeckung Amerikas verschwand das „Non“ aus der Inschrift. „Hier geht es weiter!“, heißt es seitdem, und bis vor Kurzem schien der Durchgang überhaupt kein Hindernis mehr darzustellen. Tiden, Strömungen, Wetter, Verkehr, das alles hat man seit Jahrzehnten bestens im Griff, so dachte man. Die Menschen wollen sie als Weg verstehen, der irgendwo hinführt. Auf den Atlantik von der einen, ins Mittelmeer von der anderen Seite. Große Schiffe befahren diesen Weg. Sie ist zu einer der am stärksten genutzten Seewege weltweit geworden. Doch es ist und bleibt ein Durchgang. Wie bei einer liegenden Sanduhr wölben sich beide Seiten unvermeidlich der engen Mitte zu. Es ist plötzlich wieder vorstellbar, dass es eng werden könnte, in der Straße von Gibralter, ja, so nennt man sie heute: Straße. Für uns erweist sie sich überraschenderweise als ein nicht leicht zu passierender Durchgang.

Das Ziel ist im Weg

Das Ziel ist im Weg

Leinen los! war das Kommando. Und es sollte uns sogleich vom Atlantik herein ins Mittelmeer spülen.

So war zumindest der Plan.

Yachtmaster

Yachtmaster

Es ist Sonntag. Eine frische Brise weht im Yachthaven Lymington. Das Met Office kündigt für heute leichten Wind aus Südwest an, moderate See, etwas Sprühregen und überwiegend gute Sichten. Die Boote in der Marina wiegen sich leicht im Wind, Seelenruhe- Stimmung. Carola packt die letzten Sachen in ihre Segeltasche, während ich noch einmal durch die Masten der anderen Boote hindurch in Richtung Solent schaue – geschafft.

Zwei Wochen harter Ausbildung liegen hinter uns. Mehrere Navigationen mit der 13m Segelyacht NEW DAWN zwischen Containerschiffen, Oceanriesen, U-Boot-Barrieren und Autofähren hindurch. Fahrten im Dunkeln in unbeleuchtete Flussmündungen hinein, Mann-über-Bord Rettungen unter Segeln, Wendemanöver in der berühmt-berüchtigten Durchfahrt von Needles, Passageplanungen durch den Ärmelkanal nach Frankreich – geschafft.

Erkältungen, zurückgebliebenes Gepäck, zwei Tage unter Deck im Sturm, Leistungshöhen und -tiefen bis nicht mal mehr ein Knoten geklappt hat, all dies und andere Unwägbarkeiten – geschafft.

Die 24-stündige Prüfung durch Captain Edmund Hadnett, der wir uns wie brave Gymnasiasten gestellt haben, nicht immer grundsicher über das eigene Vermögen und abhängig von der Gunst des Cargocaptains mit zweifelhafter Segelexpertise. Aber was soll’s: Geschafft!

Wir dürfen uns jetzt Royal Yachtmaster Offshore und Coastal Skipper nennen.

Was ist da los?

Was ist da los?

Was ist da los?, fragte ich Carola, als ich das Großsegel einholen wollte. Es saß fest. In voller Pracht, soll heißen vollständig gesetzt.

Wir waren unterwegs auf einem Sonntagsausflug, Daysailing nennt man das wohl neudeutsch. Die kleine Ausfahrt führte uns zunächst zum Punta do Piedade, einer der schönsten Felsen an der Algarve, mit Leuchtturm. Clemens, unser Sohn, war mit Freunden für ein paar Tage zu Besuch bei uns an Bord. Mit dem Beiboot durch die Grotten, Chillen auf dem Vorschiff, und dann ein bißchen Segeln. Man muss den jungen Leuten ja etwas bieten. Die Bucht von Ferragudo war erneut das Ziel. Für den Abend hatte ich einen Tisch im angesagten Beach-Club Nau reserviert. Easy mit dem Beiboot an den Strand fahren, Flip-Flops an, und vom Wasser her den Club betreten, wo einen britische Band den rausgeputzten Gästen zum Sonnenuntergang bereits kräftig einheizt. Das war der Plan.

Segeln wäre indessen nicht Segeln, wenn da nicht immer wieder mal ein kleiner Zwischenfall der Sache etwas Abenteuer einhauchen würde. Bisher wussten wir, dass es herausfordernd sein kann, ein Großsegel zu setzen. Dass es um ein Vielfaches ärgerlicher ist, wenn der verdammte Lappen nicht mehr runterkommen will, war uns neu. Mit gesetztem Großsegel kann man nicht zurück in die Marina.

4-5 Windstärken, 1m Welle. Zwei lange Stunden haben wir versucht, das Ding zu Fall zu bringen. Wir haben abwechselnd mit Gefühl die Leine gezogen, gedrückt, sogar gedreht. Wir haben sie mit roher Gewalt über die Winsch gezwungen. Wir haben das Boot mal in den Wind gelegt, mal sind wir Manöver gefahren. Nichts.

Es blieb nichts anderes, als mit gesetztem Segel in einer geräumigen Bucht vor Anker zu gehen. Dort, so der Plan, wäre es möglich, an die Mastspitze zu klettern und dort oben, wo sich irgendetwas verklemmt haben musste, nach dem Rechten zu sehen. Die Leine, an der das Segel hängt, war gespannt wie eine Klaviersaite. Carola und ich auf eine ganz andere Art angespannt. Es ist kein Spaziergang, bei diesen Bedingungen auf 20m Höhe, Kirchturmhöhe, herumzukraxeln.

Relax, sagte Denys, der Rigger, der uns schon mit der Orca-Sache aus der Patsche geholfen hatte. Relax. What a smart guy. Er kam, zusammen mit seiner Frau Carla, kletterte kurz nach oben und löste die Verklemmung. Danach gab es reichlich Bier zum Sundowner. Und wir haben nebenbei gelernt, wie ein Profi den Mast erklimmt.

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