Wenn man an San Stefano vorbeifährt, fällt einem der trutzige Bau auf, der auf dem Hügel thront wie eine Festung. Das ist er auch, allerdings nicht um Feinde von außen abzuwehren, sondern sondern um den Gegner von innen zu bekämpfen. Durch eine geeignete architektonische Struktur die Herrschaft eines Geistes über einen anderen erlangen. Prinzip eines idealen Gefängnisses das die Einzelzellen im Halbkreis anordnet, damit alle Gefangenen von einem einzigen Wächter in einem zentralen Gebäude beaufsichtigt werden können, ohne zu wissen, ob sie gerade beobachtet wurden oder nicht. Die Bourbonen haben das beim englischen Philosophen Jeremy Bentham in Auftrag gegeben, der auf diese Weise ein Prinzip der Abschreckung vor dem Bösen errichtete, das sich aus dem Bewusstsein ständiger Kontrolle ergibt. Die Inschrift über dem Eingang lautet: „Donec sancta Themis scelerum tot monstra catenis victa tenet, stat res, stat tibi tuta domus anbringen.“ Solange das Heilige Gesetz so viele böse Menschen in Ketten hält, bleiben Staat und Eigentum sicher. Der italienische Literat und Politiker Settembrini saß hier neun Jahre lang ein und schreibt dazu: „Diese Worte werden von den meisten, die eintreten, weder gelesen noch verstanden, doch sie berühren das Herz des politischen Gefangenen und warnen ihn, dass er einen Ort ewiger Qual betritt, unter verlorenen Menschen, denen er gleichgestellt ist. Man muss großen Glauben an Gott und Tugend haben, um der Verzweiflung zu entgehen.“ Panopticon nannte Bentham das, und wenn ich die ganze Geschichte des Aufenthalts von Settembrini hier lese, wird mir schlecht bei dem Gedanken, wie mit Menschen noch vor wenigen Jahrhunderten umgegangen wurde – Nein, auch heute noch umgegangen wird. In Assads Folterkellern war es kein Stück besser. 2025 in Sibirien, kein Stück besser. Settembrini endet seine Geschichte mit: Hier leben wir den Winden und dem Meer ausgeliefert, getrennt vom Universum und erleiden all die Schmerzen, die das Universum bereithält. Ein verstörender Ort diese zwei Inseln unweit der Ferieninsel Ischia, auf denen es zu aller Zeit immer um Verbannung und Tod ging. Und doch faszinierend.
…, Jungfrau und Märtyrerin, ist Schutzpatronin von Ventotene. Ihre jährliche Verehrung wird in der Woche vor dem 20. Sep gefeiert. Die kleine Insel mit pastellfarbenen Häuschen, hübsch anzusehen, zählt zu den Pontinischen. Ihr alter Hafen ruht sichtbar auf römischen Grundmauern. Unser Katamaran ist zu breit für die Hafeneinfahrt. Wir ankern in der Nähe, um mit unserem neuen Paddelboot einen kurzen Weg an Land zu haben. Römische Kaiser haben hierher ihre Frauen und Schwestern verbannt, wenn sie ihrer überdrüssig waren, oder sie vor einem Mord zurückscheuten. Überhaupt scheint hier ein guter Ort für die Verbannung zu sein. In unmittelbarer Nähe liegt die Insel San Stefano, auf der die Bourbonen einen Gefängniskomplex für die Feinde der Monarchie errichten ließen. Auf Ventotene leben heute vierhundert Menschen. Der Ort ist vom Aussterben bedroht und wird von offizieller Seite als Wohnsitz beworben. Wenn ich mal richtig meine Ruhe haben will, ziehe ich hierher, denke ich. Hier findet mich niemand. Ende September ist das Dorf jedoch voller Leben. Nach der heiligen Messe versammeln sich die Einwohner und Gäste zu Ehren der Schutzpatronin vor der Kirche, musizieren und lassen feierlich einen bunten Ballon vom Kirchplatz aufsteigen. Wir geraten durch Zufall mitten hinein, stehen mittendrin, als das Tuch sich bläht und aufrichtet. Der verzierte Ballon steigt drehend in den Nachthimmel, man hat unwillkürlich das Bedürfnis, sich etwas wünschen. Allzeit gute Fahrt, günstige Winde, die Unzertrennlichkeit der beiden Traumjäger. So was in der Art.
Wir liegen hier für eine Nacht. Schon am nächsten Morgen soll es weiter gehen, bei frühem Ostwind. Doch wir erwachen vor dem Wecker. Es ist noch dunkel. Die See spült unangenehm aufgewühlt Welle um Welle gegen das Eiland und drückt uns fast auf den Fels vor der Hafeneinfahrt. Wir starten die Motoren, holen den Anker ein und fahren hinaus auf das unruhige Meer. Äolus vertreibt uns regelrecht, und spielt uns obendrein einen Streich. Bei schönstem Sonnenaufgang schickt er Winde von Südost, mit fünf bis sechs Stärken, die Dreamchaser stampft von Beginn dagegen an. Immer wieder wird das Vorschiff von einer höheren Welle überspült. Nicht daran zu denken, bei diesen Bedingungen die zwei Stufen in den Mast zu steigen, die nötig sind, um das Großsegel anzuschlagen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unter Motor zu fahren. Sechs Stunden lang geht das so. Der sich Gott der Winde schimpft, kommt mir zunehmend wie ein kleiner Windteufel vor. Was bildet der sich ein?
Wie kann man so blöd sein und eine Drohne gegen eine Felswand fliegen. Ich ärgere mich gewaltig. Als hätten wir gerade nicht genug Ärger. Das Fluggerät zu suchen wird nicht viel bringen. Sie ist 40m in die Tiefe gestürzt und liegt jetzt irgendwo im Gestrüpp am Fuße des Berges, zerschmettert, denn die Rotorarme sind nicht für Kollisionen ausgelegt. Lass uns erstmal essen, sagt Carola. Ich decke den Tisch, mache uns ein Bier auf und löffle lustlos in der Minestrone. Schau mal da, sagt Carola erschrocken und deutet mit der Hand in Richtung Strand, nachdem wir beide kurz zuvor eine Art Knacken oder Knallen vernommen haben. Zwischen Strand und Fels liegt ein fußballplatzgroßes Feld aus hohem Schilf und daraus lodern Flammen empor. Wenn sich das ausbreitet, sind die vier Häuser am Rand des Feldes in Gefahr. Der Strand hat keine Zufahrt, ist nur vom Wasser aus zu erreichen, und wir haben niemand an Land gesehen. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Die Drohne, der Lithiumakku, ein Schlag, langsame Hitzeentwicklung, der Knall, das brennende Schilf. Ich sehe Carola an, dass sie ähnlich denkt, oder daran, dass die Häuser gleich abfackeln, wenn man nicht umgehend einschreitet. Wir lassen das Essen stehen. Ich lasse das neue Paddelboot zu Wasser, Carola greift nach Löschdecke und Feuerlöscher und wir beginnen zu rudern. Rudern, was das Zeug hält. Die Flammen breiten sich aus. Kurz bevor wir den Strand erreichen sehen wir eine Frau, die es sich auf die Brüstung der Veranda des Hauses bequem macht, das dem Feuer am nächsten steht. Ich winke und rufe. Fire, fuego, was mir gerade so einfällt. Kurz darauf tritt ein Mann aus dem Dickicht des Schilfes hinzu. Er winkt, und dann winken beide. Sie winken ab, no no, tutto bene, sowas in der Art. Wirklich? Alles klar. Wir drehen und merken erst jetzt, dass die Welle am Strand beträchtlich ist. Unter Mühen paddeln wir zurück zum Boot. Das Feuer ist beängstigend. Es lodert, es knallt. Man will gar nicht wissen, was die da alles verbrennen. Aber es breitet sich nicht weiter aus. Immerhin. Und die Suppe ist noch warm.
Wir nähern uns Palmarola, der westlichen der Pontinischen Inseln. Eine beeindruckende Felsformation im Thyrrenischen Meer. Die Kreidefelsen im Süden erinnern an Dover oder Rügen. Die Insel ist in der Mitte durch einen Felsblock gespalten. Ein paar Segler ankern im Osten. Im Süden liegt die Andromeda II vor Anker, die 107m lange Megayacht von Juri Milner. Der Hubschrauber steht auf dem Achterdeck bereit. Wir entscheiden uns für eine Bucht im Nordwesten von Palmarola, umschlossen von gewaltigen Felsen. An der einen Stelle eine glatte Wand wie aus Sandstein, an anderer eine Aufwerfung wie ein Blumenkohl. Hinter einem Sattel ragt eine Bergspitze in den Himmel, die mich an den großen Mythen in der Zentralschweiz erinnert. Es ist der gewaltige Felsblock, der die Insel spaltet. Am Strand eine Handvoll Häuser inmitten von üppigem Grün. Wir ankern in glasklarem Wasser. Bald geht die Sonne unter. Ich hole die Drohne. Das gibt heute besonders beeindruckende Aufnahmen, wenn ich sie langsam über die Klippen steigen lasse. Mir fällt auf, dass der glatte Felsen in etwa 50m Höhe eine echteckige Öffnung hat, die aussieht, wie der Durchgang durch eine Tür. Das muss ich nur näher ansehen. Ich manövriere die Drohne auf Höhe der Öffnung, schalte auf Videoaufnahme und fliege näher. Die Öffnung weitet sich langsam auf dem Monitor. Ich fliege näher. Und noch näher. Doch immer noch ist das dunkle Rechteck relativ klein. Und dann friert plötzlich das Bild ein und verzerrt sich. Die Fernsteuerung meldet Contact lost. Ich löse meinen Blick vom Gerät und sehe zum Fels hinüber, als ich plötzlich ein unerwartetes Geräusch höre. Klonk.
Wir segeln weiter nach Süden, suchen einen geeigneten Ort für einen Zwischenstop, bevor es auf die Pontischen Inseln geht, unentdeckte Perlen, sagt man. Von ruhigen Ankerbuchten aus Strände, Buchten und Grotten mit dem Beiboot erkunden. Das ist der Plan. Wir finden Anzio, ein nach Süden offener Strandabschnitt, an dem reiche Römer im 19. Jahrhundert ihre Villen direkt an den Strand bauten. Dahinter auf einem Hügel ein großer Park, in dessen Mitte eine Villa thront, die ein Kadinal im 17. Jh. hat erbauen lassen. Die Alliierten haben sie als Hauptquartier benutzt, als sie 1944 in Italien anlandeten, um Rom von den Faschisten zu befreien. Was heute so mancher als vorwändige Flokel verwendet, war damals eine klar umrissene Aufgabe. Die Villa ist heute im Besitz der Familie Borghese, der Park ein nationales Kulturgut. Was das Städtchen betrifft, kann allerdings weniger von Kulter die Rede sein. Der Tourismus ist lokal, sein Ausprägung einfach bis abstoßend. Die Häuser, der Hafen, die Menschen, überall bröckelt der Putz, auch in den Gesichtern. Alles wirkt ungepflegt. Sie lassen ihren Müll dort fallen, wo er anfällt. Zigaretten, Eisbecher, Spielzeug, Styropor, Flaschen. Und sie leben es ihren Kindern so vor. Es gibt eine Marina für private Boote. Sie ist kaum zu trennen von der Fischerei, die an der Hafenmole die Nase belästigt und schmutzig in direkter Nachbarschaft zu den Restaurants betrieben wird. Hier, zwischen zwei kleinen Fischerbooten, Styroporresten und Plastikmüll legen wir mit dem Dinghy an, um zum Abendessen zu gehen. Die Mahlzeit schmackhaft, die Menschen, die es eimem hinstellen, eine Katastrophe. Schlechtes Benehmen, von Service kann keine Rede sein. Als wir drei Stunden später zur Mole zurückkehren ist dort, wo unser Dinghy korrekt mit einem Palstek durch einen Ring gesichert war, eine leere Stelle. Das ölig verschmutze Hafenwasser plätschert leise gegen die Rümpfe der beiden Fischerboote. Wir sehen uns an und können es nicht glauben. Eine leere Stelle im Wasser, die nicht leer sein dürfte. Es will nicht in unsere Köpfe.
Jetzt, zwei Tage später, ist es immer noch kaum zu glauben. Inzwischen steht fest, das Boot wurde von kundiger Hand entwendet und mit laufendem Motor aus dem Hafen gefahren. Die Guardia di Finanza hat sich noch in derselben Nacht mit einem Patrouillenboot und Punktscheinwerfer auf die Suche gemacht. Wir haben auch die Küstenwache eingeschaltet, und für die Carabinieri einen geschriebenen Bericht verfasst. Es hilft nichts. Das Boot ist weg.
Wir suchen nach einem sicheren Platz für die Nacht. Der lange Küstenstreifen bietet leider wenig Schutz. Weder vor Wetter, noch vor Gesindel. Aber in der Nähe läuft eine alte Hafenmauer fast einen Kilometer entlang der Küste. Sie war früher als Wellenbrecher für einen Touristenhafen gedacht, der nie gebaut wurde. Wir nähern uns langsam. Durch das Fernglas ist nichts zu erkennen, was auf mögliche Gefahren hindeutet. Am Strand stehen ein paar heruntergekommene Hütten, verrottete Jollen, ein Autowrack. Es wirkt leblos. Am Ende der künstlichen Bucht liegt ein Kanal, über den eine kleine Holzbrücke führt. Die Hütte daneben steht auf Stelzen, hat einen Aufbau, eine Art Kran. Ich lasse die Kameradrohne steigen und nähere mich auf 30 Meter in zehn Meter Höhe. Keine Auffälligkeiten, Befestigungsanlagen, Schießscharten, irgendwas in der Art. Nichts. Hinter der Brücke liegt ein kleines Hafenbecken voller Boote. Sieht nicht aus, als hätten die noch Sprit, um gefahren zu werden. Aber das könnte ein Trick sein, um uns in einen Hinterhalt zu locken. Wir gehen in ausreichendem Abstand vor Anker und legen das Gewehr und die Armbrust bereit und machen die kleine Kampfdrohne startklar. Sicher ist sicher.
30km landeinwärts liegt die Ewige Stadt. Oder das, was noch von ihr übrig ist. Wir haben gehört, dass vor drei Monaten die Energieversorgung in Europa endgültig zusammengebrochen ist und mit ihm wohl seine Staaten. Marodierende Truppen ziehen seither durchs Land. Auf dem Wasser fühlen wir uns einigermaßen sicher. Unseren Berechnungen nach haben wir inzwischen 2034. Welchen Tag haben wir heute?, fragt Penelope und lacht. Das macht sie manchmal, wenn sie glücklich ist. Wenn sie sagen will, dass Zeit längst keine Rolle mehr spielt, dass sie zu etwas Äußerlichem geworden ist, relativ. bedeutungslos. Weil nur noch das Hier und Jetzt zählt. Aber nicht wie damals zum Jahrtausendwechsel, als man die indische Philosophie schick fand. Bei uns an Bord geht es um das Wasser, das die Entsalzungsanlage liefert, den Strom, den die Solarpaneele produzieren, den Wind, der die Segel bläht, den Sprit im Tank, für alle Fälle. Unser Katamaran ist groß genug, um darauf leben zu können. Und was an Land passiert, interessiert uns nicht mehr.
Der Mond geht über Land auf und wirft Licht auf die dunklen Bauten am Strand. Fast rund ist er und kitschig groß. Penelope macht im Dunkeln etwas Musik, leise, damit wir nicht gehört werden. Papa was a Rolling Stone. Ich glaube 1971 war das. Ich gehe nach unten und suche nach der Flasche, die wir neulich aus einem auf dem Wasser treibenden Boot geholt haben. Auf dem Etikett steht Aldrovandi 2019, Bolgheri. Wir stoßen an, beginnen zu tanzen und halten uns aneinander fest. Die Welt, die wir kannten, gibt es nicht mehr.