Agropoli

Agropoli

Mit dem Verlassen der Amalfiküste nach Süden ändert sich die Welt um uns herum unterwartet und deutlich. Das Meer beruhigt sich wie von Zauberhand und erst jetzt wird mir bewusst, dass sein Aufgewühltes rund um den Golf von Neapel nicht dem Wetter geschuldet war, sondern vor allem den Hundertschaften an Booten und Schiffen, die es tagein tagaus durchpflügen, darüberrasen, ja es geradezu drangsalieren. Die einen für den vermeintlichen ‚Diesen einen Moment‘, die anderen für das Geld, das mit dieser Illusion abzuschöpfen ist. 
Beim Einlaufen in Agropoli grüßt von der Hafenmauer eine lebensgroße Madonna und als wir direkt unterhalb der felsigen Anhöhe der Altstadt ankern, fühlen wir uns behütet.  Die Kirchenglocken schlagen Fünf tiefe Schläge, gefolgt von zwei hohen. Es ist halb sechs. Hier bleiben wir drei Nächte, zwischen zwei holländischen Booten, deren Bewohner schon am nächsten Abend unsere Gäste sein werden. Man lernt sich schnell kennen, von Boot zu Boot. Gerben und Jolanda wollen noch nach Griechenland, bevor sie sich nächstes Jahr über den Atlantik trauen, Paul und Mary besegeln seit vierzig Jahren das Mittelmeer und sind über achtig. Sie haben im Sturm ihren Mast verloren und warten hier in Agropoli auf Ersatz. Aber das ist eine andere Geschichte

Capri

Capri

Capri ist ein Muss. Wir waren vor zehn Jahren schon einmal hier. Das Städtchen, das sich auf dem Sattel der Insel wie gemalt einfügt, ist einen Besuch wert. Seit über hundertzwanzig Jahren kommen Künstler, Schriftsteller, Freigeister, und sie bleiben länger. Ein Krupp-Erbe erbaute sich hier seinen Traum einer Villa hoch über dem Meer. Hier konnte er unbehellicht leben. Kaiser Tiberius regierte von hier aus zwölf Jahre lang das römische Imperium. Rilke kam 1907, nachdem er sich mit Rodin überworfen hatte. Hier fand er Inspiration für seinen Band Der neuen Gedichte anderer Teil. Das Lied vom Meer ist unterzeichnet mit Capri. Piccola Marina

Und dann, das Liebes – Lied. Ich muss es einfach in Gänze niederschreiben:

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiter schwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Die Häuser im Zentrum Capris sind stilvoll, gepflegt und stehen im krassen Kontrast zu allem, was wir sahen, seit wir die Toskana hinter uns gelassen haben. Allgegenwärtiges Symbol ist die prächtig-pralle Zitrone. Eine Insel aus Reichtum und Überfluss. Die Menschen bewegen sich darauf wie als Teil eines exotisch kunstvollen Ganzen. Es wirkt wie ein Versuch, die Grenzen zwischen Kunst und Leben zu überwinden, wenn sie am Abend in den Gässchen des verwunschenen Ortes und auf dem zentralen Platz vor der Kirche ihr  Schaulaufen abhalten, wenn auffallend attraktive und gepflegte Frauen an den Schaufenstern der Boutiquen vorbeischlendern, als würden sie sich dafür interessieren, während es ihnen doch vor allem darum geht, gesehen und bewundert zu werden. Dazu ein Mann an ihrer Seite, oft aus gutem Hause, aber auffallend öfter einer, der aus seiner Rolle fällt. In Shirt und Shirts mit Schlappen, ein schlurfender Gang, ein ungepflegter Bart. Kaum vorstellbar, dass hier gegenseitige Zuneigung im Spiel ist. Aber wer spielt hier welche Rolle?

#capri. Das ist für viele der Blick von der Terrasse zwischen von Bougainvilla umschlungenen Säulen hindurch, hinab auf die Bucht, das Felsentor Faraglioni, vor dem man sich unbedingt ablichten lassen möchte, am besten vom Boot aus. Morgens ab neun fahren die ersten umgebauten Kutter mit den schönen Touristinnen an Bord hinaus, für dieses eine Bild. Sie drapieren sich auf der Kunstledermatte am Vorschiff wie Diven, durch und durch gestylt, mit Handtäschchen. Die Frauen lassen sich das mehrere Hundert Euro kosten, um bei den Likes ganz vorne mit dabei zu sein. So kann man auch die schönsten Plätze der Welt zur Kulisse eines leeren Ichs abwerten.

Panopticon

Panopticon

Wenn man an San Stefano vorbeifährt, fällt einem der trutzige Bau auf, der auf dem Hügel thront wie eine Festung. Das ist er auch, allerdings nicht um Feinde von außen abzuwehren, sondern sondern um den Gegner von innen zu bekämpfen.
Durch eine geeignete architektonische Struktur die Herrschaft eines Geistes über einen anderen erlangen. Prinzip eines idealen Gefängnisses das die Einzelzellen im Halbkreis anordnet, damit alle Gefangenen von einem einzigen Wächter in einem zentralen Gebäude beaufsichtigt werden können, ohne zu wissen, ob sie gerade beobachtet wurden oder nicht. Die Bourbonen haben das beim englischen Philosophen Jeremy Bentham in Auftrag gegeben, der auf diese Weise ein Prinzip der Abschreckung vor dem Bösen errichtete, das sich aus dem Bewusstsein ständiger Kontrolle ergibt. Die Inschrift über dem Eingang lautet:
„Donec sancta Themis scelerum tot monstra catenis victa tenet, stat res, stat tibi tuta domus anbringen.“
Solange das Heilige Gesetz so viele böse Menschen in Ketten hält, bleiben Staat und Eigentum sicher.
Der italienische Literat und Politiker Settembrini saß hier neun Jahre lang ein und schreibt dazu: „Diese Worte werden von den meisten, die eintreten, weder gelesen noch verstanden, doch sie berühren das Herz des politischen Gefangenen und warnen ihn, dass er einen Ort ewiger Qual betritt, unter verlorenen Menschen, denen er gleichgestellt ist. Man muss großen Glauben an Gott und Tugend haben, um der Verzweiflung zu entgehen.“
Panopticon nannte Bentham das, und wenn ich die ganze Geschichte des Aufenthalts von Settembrini hier lese, wird mir schlecht bei dem Gedanken, wie mit Menschen noch vor wenigen Jahrhunderten umgegangen wurde – Nein, auch heute noch umgegangen wird. In Assads Folterkellern war es kein Stück besser. 2025 in Sibirien, kein Stück besser.
Settembrini endet seine Geschichte mit: Hier leben wir den Winden und dem Meer ausgeliefert, getrennt vom Universum und erleiden all die Schmerzen, die das Universum bereithält.
Ein verstörender Ort diese zwei Inseln unweit der Ferieninsel Ischia, auf denen es zu aller Zeit immer um Verbannung und Tod ging. Und doch faszinierend.

Santa Candida di Ventotene

Santa Candida di Ventotene

…, Jungfrau und Märtyrerin, ist Schutzpatronin von Ventotene. Ihre jährliche Verehrung wird in der Woche vor dem 20. Sep gefeiert.
Die kleine Insel mit pastellfarbenen Häuschen, hübsch anzusehen, zählt zu den Pontinischen. Ihr alter Hafen ruht sichtbar auf römischen Grundmauern. Unser Katamaran ist zu breit für die Hafeneinfahrt. Wir ankern in der Nähe, um mit unserem neuen Paddelboot einen kurzen Weg an Land zu haben.
Römische Kaiser haben hierher ihre Frauen und Schwestern verbannt, wenn sie ihrer überdrüssig waren, oder sie vor einem Mord zurückscheuten. Überhaupt scheint hier ein guter Ort für die Verbannung zu sein. In unmittelbarer Nähe liegt die Insel San Stefano, auf der die Bourbonen einen Gefängniskomplex für die Feinde der Monarchie errichten ließen.
Auf Ventotene leben heute vierhundert Menschen. Der Ort ist vom Aussterben bedroht und wird von offizieller Seite als Wohnsitz beworben. Wenn ich mal richtig meine Ruhe haben will, ziehe ich hierher, denke ich. Hier findet mich niemand. Ende September ist das Dorf jedoch voller Leben. Nach der heiligen Messe versammeln sich die Einwohner und Gäste zu Ehren der Schutzpatronin vor der Kirche, musizieren und lassen feierlich einen bunten Ballon vom Kirchplatz aufsteigen. Wir geraten durch Zufall mitten hinein, stehen mittendrin, als das Tuch sich bläht und aufrichtet. Der verzierte Ballon steigt drehend in den Nachthimmel, man hat unwillkürlich das Bedürfnis, sich etwas wünschen. Allzeit gute Fahrt, günstige Winde, die Unzertrennlichkeit der beiden Traumjäger. So was in der Art.

Wir liegen hier für eine Nacht. Schon am nächsten Morgen soll es weiter gehen, bei frühem Ostwind. Doch wir erwachen vor dem Wecker. Es ist noch dunkel. Die See spült unangenehm aufgewühlt Welle um Welle gegen das Eiland und drückt uns fast auf den Fels vor der Hafeneinfahrt. Wir starten die Motoren, holen den Anker ein und fahren hinaus auf das unruhige Meer. Äolus vertreibt uns regelrecht, und spielt uns obendrein einen Streich. Bei schönstem Sonnenaufgang schickt er Winde von Südost, mit fünf bis sechs Stärken, die Dreamchaser stampft von Beginn dagegen an. Immer wieder wird das Vorschiff von einer höheren Welle überspült. Nicht daran zu denken, bei diesen Bedingungen die zwei Stufen in den Mast zu steigen, die nötig sind, um das Großsegel anzuschlagen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unter Motor zu fahren. Sechs Stunden lang geht das so. Der sich Gott der Winde schimpft, kommt mir zunehmend wie ein kleiner Windteufel vor. Was bildet der sich ein?

112

112

Wie kann man so blöd sein und eine Drohne gegen eine Felswand fliegen. Ich ärgere mich gewaltig. Als hätten wir gerade nicht genug Ärger. Das Fluggerät zu suchen wird nicht viel bringen. Sie ist 40m in die Tiefe gestürzt und liegt jetzt irgendwo im Gestrüpp am Fuße des Berges, zerschmettert, denn die Rotorarme sind nicht für Kollisionen ausgelegt.
Lass uns erstmal essen, sagt Carola.
Ich decke den Tisch, mache uns ein Bier auf und löffle lustlos in der Minestrone.
Schau mal da, sagt Carola erschrocken und deutet mit der Hand in Richtung Strand, nachdem wir beide kurz zuvor eine Art Knacken oder Knallen vernommen haben. Zwischen Strand und Fels liegt ein fußballplatzgroßes Feld aus hohem Schilf und daraus lodern Flammen empor. Wenn sich das ausbreitet, sind die vier Häuser am Rand des Feldes in Gefahr. Der Strand hat keine Zufahrt, ist nur vom Wasser aus zu erreichen, und wir haben niemand an Land gesehen. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Die Drohne, der Lithiumakku, ein Schlag, langsame  Hitzeentwicklung, der Knall, das brennende Schilf.
Ich sehe Carola an, dass sie ähnlich denkt, oder daran, dass die Häuser gleich abfackeln, wenn man nicht umgehend einschreitet. Wir lassen das Essen stehen.
Ich lasse das neue Paddelboot zu Wasser, Carola greift nach Löschdecke und Feuerlöscher und wir beginnen zu rudern. Rudern, was das Zeug hält. Die Flammen breiten sich aus. Kurz bevor wir den Strand erreichen sehen wir eine Frau, die es sich auf die Brüstung der Veranda des Hauses bequem macht, das dem Feuer am nächsten steht. Ich winke und rufe. Fire, fuego, was mir gerade so einfällt. Kurz darauf tritt ein Mann aus dem Dickicht des Schilfes hinzu. Er winkt, und dann winken beide. Sie winken ab, no no, tutto bene, sowas in der Art. Wirklich? Alles klar.
Wir drehen und merken erst jetzt, dass die Welle am Strand beträchtlich ist. Unter Mühen paddeln wir zurück zum Boot.
Das Feuer ist beängstigend. Es lodert, es knallt. Man will gar nicht wissen, was die da alles verbrennen. Aber es breitet sich nicht weiter aus. Immerhin. Und die Suppe ist noch warm.

Klonk

Klonk

Wir nähern uns Palmarola, der westlichen der Pontinischen Inseln. Eine beeindruckende Felsformation im Thyrrenischen Meer. Die Kreidefelsen im Süden erinnern an Dover oder Rügen. Die Insel ist in der Mitte durch einen Felsblock gespalten. Ein paar Segler ankern im Osten.
Im Süden liegt die Andromeda II vor Anker, die 107m lange Megayacht von Juri Milner. Der Hubschrauber steht auf dem Achterdeck bereit.
Wir entscheiden uns für eine Bucht im Nordwesten von Palmarola, umschlossen von gewaltigen Felsen. An der einen Stelle eine glatte Wand wie aus Sandstein, an anderer eine Aufwerfung wie ein Blumenkohl. Hinter einem Sattel ragt eine Bergspitze in den Himmel, die mich an den großen Mythen in der Zentralschweiz erinnert. Es ist der gewaltige Felsblock, der die Insel spaltet.
Am Strand eine Handvoll Häuser inmitten von üppigem Grün.
Wir ankern in glasklarem Wasser.
Bald geht die Sonne unter. Ich hole die Drohne. Das gibt heute besonders beeindruckende Aufnahmen, wenn ich sie langsam über die Klippen steigen lasse.
Mir fällt auf, dass der glatte Felsen in etwa 50m Höhe eine echteckige Öffnung hat, die aussieht, wie der Durchgang durch eine Tür.
Das muss ich nur näher ansehen. Ich manövriere die Drohne auf Höhe der Öffnung, schalte auf Videoaufnahme und fliege näher. Die Öffnung weitet sich langsam auf dem Monitor. Ich fliege näher. Und noch näher. Doch immer noch ist das dunkle Rechteck relativ klein. Und dann friert plötzlich das Bild ein und verzerrt sich. Die Fernsteuerung meldet Contact lost. Ich löse meinen Blick vom Gerät und sehe zum Fels hinüber, als ich plötzlich ein unerwartetes Geräusch höre. Klonk.

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