Das Leben schreitet in Klumpen voran. Mal fließt es wochenlang zäh wie Brei, dann, ohne Ankündigung, überschlagen sich die Ereignisse. Wie letzten Dienstag, als uns beim Abendessen im Taunus die Nachricht erreichte, dass die Bilgepumpe an Bord der Dream Chaser aufgehört hat, ihre Arbeit zu tun. Zwei Telefonate später ist eine starke Tauchpumpe organisiert. Die verhindert erstmal, dass der Motor erneut im Wasser steht. Eine Dauerlösung ist sie nicht. Ich mache Reisepläne für Freitag und schreibe eine Mail an die Werft, mit der erneuten Bitte, einen zeitnahen Krantermin in Betracht zu ziehen. Aber dann…
Mittwoch
15:30: Die Marina bietet überraschend einen Krantermin für Freitag an. Ich beschließe umgehend, bereits am Donnerstag nach Sizilien zu fliegen.
19:00: Wir besuchen mit Freunden die Lesung von Bodo Kirchhoff im Literaturhaus in Frankfurt
20:17: Bodo erzählt von einer Hand, die einen Rücken streichelt, dessen Haut viel erlebt hat. Carola beschließt währenddessen, nach Catania mitzureisen
21:00: Kleiner Umtrunk im Literaturhaus; die Schreiber vom See, ein Wiedersehen mit dem großen Schriftsteller. „Klaus!“ „Bodo! Lass Dich drücken“
22:00: Wir sind wieder zu Hause, verabschieden die Freundin, die noch ins Bergische muss, packen zwei Handgepäckstücke und organisieren die Fahrt zum Flughafen
Donnerstag
06:00: Wir sitzen im Taxi; ich buche zwei Tickets nach Rom über München
11:00: Der Anschluss funktioniert; ich buche die italienische Airline nach Catania
14:45: Wir landen auf Sizilien. Sonnenbrille auf, die Jacke kann ins Köfferchen. Die Bahn bringt uns direkt nach Riposto
16:00 Ankunft am Boot. Das Wasser steht schon am Sockel des Motors. Ich ziehe mich um und mache mich ans Werk. Wasser muss abgepumpt, die alte Bilgepumpe ausgebaut, die Sicherung ersetzt, das Abflussrohr gespült werden. Um 19:30 ist endlich alles so weit installiert, dass die neue Pumpe provisorisch arbeiten kann. Es wird auch Zeit, denn für
20:15 sind wir auf der myMo eingeladen, bei den lieben Bootsnachbarn Deja und Marc aus der Schweiz
Freitag
ab 09:00 bereiten wir die Dream Chaser zum Bootlift vor
11:00 Die Motoren laufen, es geht los. Wir legen, begleitet von einem Boot der Marina, ab. Sicher ist sicher
11:45 Die Dream Chaser hängt im Kran und ist endlich aus dem Wasser
12:30 Wir sitzen im Café Mambo gegenüber der Werft, mit Blick aufs Boot und suchen in Catania ein Hotel für die Nacht. Ein zweiter Cappucino, ein Croissant mit Pistaziencreme, ein erstes Durchatmen. Der Zustand der Dream Chaser kann sich nun nicht mehr verschlimmern
13:20 Ich entdecke, dass um 15:45 eine Maschine nach Mailand geht. Von dort mit zwei Stunden Aufenthalt weiter nach Frankfurt. Wir sehen uns in die Augen und planen um. Carola bezahlt und lässt ein TAXI rufen
13:45 Auf dem Weg zum Flughafen kaufe ich die Tickets nach Linate
15:30 Wir besteigen den Flieger, zur gleichen Zeit, am gleichen Gate, wie eine Woche zuvor. Sogar dieselbe schnippische Italienerin am Gate. Ein Gefühl, als wäre in den letzten sieben Tagen nichts vorangegangen
17:30 Wir landen in Mailand, ich buche beim Reinrollen der Maschine zwei Flüge mit der Air Dolomiti. Allerdings sind wir zehn Minuten früh und nur zwei Positionen weiter steht der LH Flieger nach Frankfurt, der in 20 Minuten ablegen soll. Wir rennen rüber zur LH, der Kollege am Gate sagt, dass ich noch sieben Minuten habe, um Online zu buchen und einzuchecken. Gut, dass wir nur Handgepäck dabei haben. Sechs Minuten später gehen wir an Bord
19:05 Ankunft in Frankfurt; zurück im Nassen und Kalten. Als wären wir gar nicht weg gewesen. Dazwischen liegen sechs Flughafenereignisse. Mein Kopf ist auf See, mein Körper wieder im Taunus, meine Seele hängt fest im Irgendwo.
Wir sitzen bei einem Becher Glühwein und genießen den frühen Untergang der Sonne hinter dem nur spärlich weißen Bergmassiv. Eine Nachricht kommt herein. Sie zeigt das Bild eines zerfetzten Bootshecks. Wie eine klaffende Wunde, die umgehend genäht werden muss, sieht das aus. Auf einem weiteren Foto ein Motorraum, der soweit unter Salzwasser steht, dass der Motorblock zur Hälfte darin verschwindet.
Sein Name ist Harry. Manche nennen ihn bereits Dirty Harry. Ein Tief, das Mitte Januar über Nordlibyen einen Trog ausgebildet hat und tagelang warme Luft über das Ionische Meer schaufelt, ein Sturm mit über hundert km/h, bis sich das Wasser so hoch auftürmt, dass leicht ein dreigeschossiges Haus davon überspült werden könnte. Oder eine Hafenmauer, samt der dahinter liegenden Boote. So etwas haben sie noch nicht erlebt, sagen die Einwohner von Riposto, auch die Alten nicht.
Wir brechen den Skiurlaub ab, packen um, fahren nach Hause und nehmen am nächsten Morgen den Flieger über Mailand.
Wir machen mit dem Auto einen Ausflug nach Syracuse, die Perle im Süden der Ostküste Siliziliens. Das Städtchen liegt an einer ruhigen Bucht, einige Boot überwintern hier. Ich fühle mich an Alghero und Tropea erinnert. Eine lange wechselhafte Historie, uralte Gemäuer, schmale Gässchen, kreative Menschen – wenn man durch die Touristen hindurchsieht. Aber davon gibt es hier Mitte November kaum welche. An der Hafenmauer kann man kostenlos anlegen. Wir sitzen in der ersten Reihe eines Cafés und genießen einen Cappuccino. Quer ab liegt der Quai der Küstenwache und Seenotrettung. Ein Schiff mit rotem Rumpf liegt dort, es kommt mir bekannt vor. Es ist die Ocean Viking, ein Versorger, der zum Rettungsschiff umfunktioniert wurde, und der seit 2019 im südlichen Mittelmeer kreuzt. Einsätze zur Rettung Schiffsbrüchiger. Im August wurde sie nach der Aufnahme von Migranten aus Nordafrika von der libyschen Küstenwache in internationalen Gewässern massiv beschossen. In der Presse war von zwanzigminütigem Dauerfeuer die Rede, das Schiff und Ausrüstung beschädigte. Das Schiff fährt unter holländischer Flagge und erlangte schon bei ihrer ersten Rettungsfahrt Berühmtheit, als Malta die bereits erteilte Erlaubnis zum Auftanken zurückzog. Der italienische Innenminister unternahm damals einige Anstrengungen, die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer zu unterbinden. 2020 wurde das Schiff beschlagnahmt, weil sich mehr Menschen an Bord befanden, als gemäß Zulassung erlaubt gewesen wären. Diesen Sommer nun der Beschuss. Über die Hintergründe wird bis heute nichts berichtet. Die Deutsche Welle schrieb, dass das Schiff zum Verlassen der von Libyen erklärten Kontrollzone in internationalen Gewässern aufgefordert habe. Es ist davon auszugehen, dass eine libysche Miliz die Hoheit und Kontrolle in der Gegend beansprucht und Flüchtlingsboote zurückholt, die nicht den geforderten Trbut entrichtet haben.
Und plötzlich berühren sich zwei Welten. Die Seefahrer im Promenadencafé mit Loungemusik (eine Version von What a wonderful world) und das Flüchtlingsschiff, das unauffällig an der Hafenmauer liegt, als ginge es nachts auf Fischfang. Ich fühle mich unwohl. Etwas ist in meine Welt getreten, das ich nicht in ihr haben möchte, um das ich einen großen Bogen machen wollte, angesichts einer Widersprüchlichkeit, für die ich keine Lösung habe. Sprichwörtlich, als Skipper. Wie umgehen mit der Situation, wenn plötzlich ein überfülltes people boat – so nennen das manche – in der Nähe auftaucht? Nach internationalem Recht ist man zur Rettung Schiffsbrüchiger verpflichtet. Man nimmt sie auf und bringt sie in den nächstsicheren Hafen. Was aber ist sicher? Seemännisch sicher? Politisch sicher? Weltanschaulich sicher? Was tut man, wenn die Seenot geradezu mutwillig herbeigeführt wurde, von Schleppern, hinter denen ganze Banden stecken? Von Menschen, die sich selbst bewusst in diese Situation bringen, aus welchen Gründen auch immer und weil in Europa alles besser ist. Unser kleines Segelboot in der Schussliinie des internationalen Geschäfts mit der illegalen Migration. Was bedeutet da Rettung? Rettung wovor? Dem Meer, einer Regierung, einer Ungerechtigkeit? Ich lehne mich zurück in das weiche Sofa und schließe die Augen. Neulich las ich einen Beitrag in einem renommierten Online- Magazin. Dort wurde die Haltung vertreten, dass eine Frau aus Iran grundsätzlich Anspruch auf Asyl in Europa habe, weil dort ein frauenfeindliches Patriarchat herrsche. Demnach hätten alle Frauen aus jedem islamisch geprägten Land Anspruch auf Asyl in Europa. Wir auf der Dream Chaser können niemanden wirklich retten. Wir können uns allerdings in Lebensgefahr bringen, etwa wenn fünfzig Leute von einem Schlauchboot zu uns umsteigen wollen, weil sie sonst absaufen. Oder wenn Milizen das people boat beschießen. Man ist ganz nah dran hier auf Sizilien.
Die Ocean Viking dümpelt fest vertäut im ruhigen Hafenbecken. Wo sind die Menschen, die zuletzt an Bord waren, jetzt?
Ankommen auf Sizilien. Vier Wochen nach unserem katastrophalen ersten Eindruck die RESET-Taste drücken. Nochmal anfangen.
Ein neuwertiger Mietwagen, ein durch und durch friedliches Riposto, zuvorkommende Menschen, eine gut organisierte Werft, innovative Restaurants. Wir genießen das Leben an Bord bei sonnigen 23°, greifen auch die Idee wieder auf, womöglich doch im Frühjahr die ganze Insel zu umsegeln; selbst der Antrieb, ein wenig Italienisch zu lernen, nimmt wieder Gestalt an.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich den Stress, den der stürmische Nordwind verursacht hat, der drei Tage lange über Riposto weggeblasen ist. Die unruhige See, aber vor allem der permanente Lärm zerrte an jedermans Nerven.
Der Süden Kampaniens hat es mir angetan. Eine bergige Landschaft, schroffe Küsten mit flachen Strandabschnitten. Pinenwälder und Olivenhaine. Sattes Grün im September. Kleine Städtchen säumen die Ufer. Sie wirken ursprünglich, nicht wie vom Tourismus vergewaltigt. In jeder Hafeneinfahrten wacht die örtliche Madonna über die Sicherheit der Seefahrer. Man braucht hier keine Uhr, die Kirchenglocken schlagen die Stunde und ihr Viertel, es erinnert mich an meine Kindheit. Agropoli, Palinuro, Scario. Alles wirkt wohlgeordnet und organisiert. Als wolle man sich hier abheben vom Elend der großen Stadt im Norden. Freilich gilt das nicht für alle Bereiche des Lebens. Im Hafen von Sario ist Luca ist der örtliche Boss am Pier. Mangels Hafenmeister, Abwesenheit der Küstenwache oder anderer Offizieller macht er den Chef. Die Erstkommunikation erfolgt per WhatsApp. Damit lassen sich Anfragen leicht übersetzen. Luca spricht kein Englisch. Klar, schreibt er, ich habe für Euch einen Platz an der Hafenmauer. Zweihundert schreibt er in einer separaten Nachricht. Das wäre allerdings so teuer wie im Golf von Neapel zur Hochsaison. Ich will mich schon aufregen. Aber dann reizt mich der Versuch nachzuhaken. Sorry, zu teuer für uns. Ob er auch einen Platz für hundertzwanzig habe. Die Antwort lässt keine fünf Minuten auf sich warten. Claro, 120€ ok, in cash.
Eine Stunde später legen wir an einer jüngsten komplett renovierten Hafenmauer an. Gute Arbeit in Stein, samt neuer Beleuchtung, Strom und Wasseranschluss. Die Leitung hat einen hohen Druck wie noch nie in einem Hafen. Drei Jungs helfen beim Anlegen. Der Boss kommt eine halbe Stunde später auf dem E-Bike mit fetten Reifen ans Boot. Kurzgeschorenes Haar, weißes Muskelshirt, weiße Shorts, weiße Turnschuhe. Er trägt drei schwere goldene Halsketten, eine protzige goldene Uhr und eine Sonnebrille mit vergoldeten Gläsern und hat nicht vor, abzusteigen. Wir reden nicht viel. Ich gebe ihm die Scheine passend und frage nach der den Formalitäten der Anmeldung. Keine Anmeldung, sagt er, und wünscht uns einen schönen Tag, bevor er sein Bike in Gang setzt ohne ein einziges Mal zu treten.